Concilium 2006 / 5

Auferstehung

Zu diesem Heft

Auferstehung

Andrés Torres Queiruga, Luiz Carlos Susin und Jon Sobrino

Von der Auferstehung zu sprechen heißt, von der biblischen und insbesondere von der christlichen Tradition zu sprechen. Christus ist der Auferstandene par excellence, und nicht selten wird dies als das charakteristischste Kennzeichen des Christentums betrachtet. Denn die Auferstehung ist die christliche Art, sich mit einer der großen Fragen der Menschheit, vielleicht der Frage schlechthin, auseinanderzusetzen: Was geschieht nach dem Tod mit uns, was erwartet uns oder was erwarten wir hinter diesem dunklen und unerbittlichen Abgrund? Und welche Konsequenzen hat diese oder jene Antwort für unser gegenwärtiges Leben?

Es ist daher verständlich, dass die Auferstehung zu einer der großen Aufgaben der Gegenwartstheologie geworden ist. Hat dieses Thema früher in den Handbüchern nur wenige Abschnitte oder höchstenfalls einige kurze Seiten eingenommen, ist die Anzahl und der Umfang der diesbezüglichen Untersuchungen inzwischen beträchtlich gewachsen. Von einem bloßen "Wunder" — zwar womöglich dem größten und spektakulärsten, aber eben letztlich nur einem als "apologetisches Motiv" benutzten Ereignis in der Welt — hat sie sich zum Kernpunkt der Christologie entwickelt und begonnen, wirklich um ihrer selbst willen, in der ihr innewohnenden Bedeutung und von ihrem Potential im Hinblick auf die Erneuerung des Lebens und der Geschichte her betrachtet zu werden. Infolgedessen ist eine wachsende Zahl von Artikeln, Monographien und Kongressen bestrebt, das Verständnis der Auferstehung zu erneuern und zu bereichern. Eine Veränderung, die mit Freude und Hoffnung begrüßt werden darf.

Damit ist die Aufgabe aber noch lange nicht abgeschlossen. Zwar hat es sowohl im allgemeinen Interesse und im Bewusstsein ihrer Wichtigkeit als auch vor allem in der Erforschung der historischen und exegetischen Details große Fortschritte gegeben. Doch unter einem gewissermaßen geschichtlichen Blickwinkel betrachtet, ist dieser Wandel noch sehr jung und hat überdies mit heftigem Widerstand vonseiten derjenigen zu kämpfen, die fürchten, dass die neue Methode des Verstehens letztlich auch auf den Inhalt der Wahrheit übergreifen wird: dass die Theologie zu einer Bedrohung für den Glauben wird. Das Gewicht einer ehrwürdigen Tradition und zuweilen sogar die Trägheit der theologischen Routine haben dazu geführt, dass die Beiträge der exegetischen und historischen Forschung und die Fortschritte einer von Grund auf erneuerten Hermeneutik bis [502] jetzt noch nicht mit der erforderlichen Tiefe und Konsequenz fruchtbar gemacht worden sind.

Folglich bleibt, was die Umstrukturierung der Imaginationsschablonen und der begrifflichen Formulierungen im Rahmen der gegenwärtigen kulturellen Konfiguration betrifft, noch viel zu tun, und dabei muss sowohl der tiefe Bruch der Moderne als auch die immer intensivere und wirkungsvollere Begegnung mit den anderen religiösen Überlieferungen in Betracht gezogen werden. Diese Ausgabe von CONCILIUM will — wie andere vor ihr, etwa die Nummern 5/1993 und 4/1991, erstere von Hermann Häring und Johann Baptist Metz, letztere von Metz und Edward Schillebeeckx herausgegeben — zu dieser gemeinsamen und offenen Aufgabe einer echten Aktualisierung einen Beitrag leisten.

Dabei gilt es in erster Linie, sich die Überwindung des biblischen Fundamentalismus zunutze zu machen, die zwar nach den ersten schüchternen Anfängen im 18. Jahrhundert und langem und erbittertem Widerstand inzwischen im Prinzip abgeschlossen ist, in der praktischen Theologie jedoch noch nicht alle ihre Früchte gebracht hat. Der Charakter der Erzählungen, die von Zeugen niedergeschrieben wurden, die die ursprünglichen Ereignisse weder miterlebt noch die ersten Überlegungen angestellt haben; ihre aus zeitlicher und geographischer Distanz erfolgte Ausarbeitung; ihr nicht direkt historisches, sondern kerygmatisches und katechetisches, auf die Stärkung des Glaubens gerichtetes Interesse; ihre symbolische Sprache und die unüberbrückbaren Diskrepanzen in den Angaben zu Zeit, Ort und Personen machen eine neue Lektüre notwendig, die jenseits des Buchstabens den Geist zu erfassen sucht, das tiefe Anliegen, das diese Texte beseelt. Es handelt sich letztlich um theologische Erzählungen, die eine tiefe Glaubenserfahrung bezeugen, und diese Glaubenserfahrung wird mit den sprachlichen, begrifflichen und bildlichen Mitteln zum Ausdruck gebracht, die damals zur Verfügung standen.

Es gilt also, sich nicht als Gefangene eines Buchstabens zu fühlen, der all unsere Aufmerksamkeit und all unseren Respekt verdient, dessen authentische Botschaft aber nicht auf der Grundlage formeller Anpassung oder oberflächlicher Retuschen gerettet werden kann. Was wir jetzt brauchen, ist ein entschlossener hermeneutischer Umschwung, der die „Welt” (Ricoeur), die sich in diesen Texten öffnet, befreit und die Faszination abschüttelt, die von ihnen ausgeht, wenn man sie als „Erzählungen” realer Geschehnisse auffasst. Hierzu werden wir unsere weitestgehend von literarischen Erzählungen und ikonographischen Darstellungen gebildete und geformte Phantasie neu konfigurieren müssen — doch dies wird uns helfen, unser Denken zu befreien, damit wir uns auf die grundlegenden Probleme und Konsequenzen konzentrieren können.

Deshalb beginnt das Heft mit einer Einordnung der Auferstehung in den allgemeinen Rahmen der Religions- und Kulturgeschichte der Menschheit. Es wäre heute unverzeihlich, den Dialog mit den anderen Religionen zu vernachlässigen. Die neue Empfänglichkeit für ihre Traditionen (und Kulturen) erhält die Notwendigkeit am Leben, die Auferstehung in den humus des "gemeinsamen Religiösen" der Menschheit einzubetten: Nur so entgeht man der Gefahr, sie als eine Art ,,Meteorit" [503] zu betrachten, der aufgrund seiner mangelnden Einwurzelung in das humanum letztlich unverständlich bleibt. Zudem wird sich der Dialog auf diese Weise wirklich brüderlich und von seinem Wesen her offen gestalten und ein Versuch sein, die anderen Religionen nicht nur kennen zu lernen, sondern sich von ihnen auch jene Aspekte des tiefen Mysteriums, das Gott schon immer allen Menschen zu offenbaren sucht, zeigen zu lassen, die nur von ihrer Kultur und Tradition aus erfassbar sind. In dieser Ausgabe von CONCILIUM werden nur einige wenige untersucht werden können, die aber als Demonstration und Modell für weitere Forschungen geeignet sind. In jedem Fall erschien es ratsam, sich nicht allein auf den Dialog mit Griechenland zu beschränken, denn heute ist der Dialog nicht nur mit dem Osten, sondern auch mit den alten Traditionen in Afrika und Lateinamerika, der einzigen Region, die hier berücksichtigt werden konnte, unverzichtbar geworden.

Innerhalb des gemeinsamen Religiösen konzentriert sich die spezifisch christliche Sichtweise, wenn man die Ergebnisse der modernen Exegese in Betracht zieht, darauf, die Grundzüge des biblischen Denkens im Übergang vom Alten zum Neuen Testament herauszuarbeiten. Uns ist von Mal zu Mal klarer geworden, dass die exegetische Diskussion die Frage nach der historischen Faktizität an entscheidenden Punkten mit einem non liquet "beantwortet", das nur dann wirklich diskutiert werden kann, wenn man die grundlegenden hermeneutischen Optionen in Betracht zieht, die ihrerseits auf die veränderte kulturelle Situation verweisen.

Aus all diesen Gründen besteht eines der Hauptanliegen heute darin, den kulturellen Wandel in seiner Radikalität und Tiefe ernst zu nehmen. Die theologische Reflexion muss sich heute nicht nur vor einer naiv-biologistischen Sicht der Auferstehung (die glücklicherweise inzwischen fast einhellig überwunden ist), sondern auch vor einer Auffassung hüten, die der positivistischen Versuchung erlegen ist und dazu neigt, die Berichte von den Erscheinungen oder vom leeren Grab letztlich als "physische" Beweise zu interpretieren.

Weit davon entfernt, die Wirklichkeit der Auferstehung zu gefährden, unterstreicht dieser Vorbehalt ihren transzendenten Charakter, der die Verherrlichung des Auferstandenen, seine "Erhöhung", nicht herabsetzt, sondern hervorhebt und bekennt, dass er über die Begrenzungen empirischer Gesetzmäßigkeiten erhoben worden und nicht mehr in den engen Grenzen von Raum und Zeit gefangen ist. Gerade hier wurzelt die Wirklichkeit und Wirksamkeit seiner universalen Gegenwart aus seiner Identifikation mit dem Vater in der Kraft des Heiligen Geistes.

Nebenbei bemerkt, stellt sich das Problem der "Überprüfbarkeit" der Auferstehung hier auf seiner eigentlichen, epistemologisch wie religiös anspruchsvolleren Ebene — nun aber frei von den empiristischen Fallstricken, die, wie im Fall des "unsichtbaren Gärtners" den Glauben unmöglich machen, weil sie zu Unrecht für eine transzendente Wirklichkeit physische Beweise verlangen.

Nur so wird ein wirklicher und aktualisierter Dialog mit einer Kultur möglich, die die Entdeckung der Autonomie der Naturgesetze zu Recht für unumkehrbar hält. Dies zu berücksichtigen ist verständlicherweise eine entscheidende Voraussetzung, [504] wenn es darum geht, das Problem der Erzählungen von den Erscheinungen und vom leeren Grab zu ergründen und ihren Sinn zu bestimmen.

Und so erklärt es sich auch, dass die Möglichkeit der Auferstehungsvorstellung einer sorgfältigen Prüfung unterzogen werden muss, weil sie so eng mit metaphysischen und linguistischen Problemen verflochten ist, deren Aufklärung das Denken unserer Zeit intensiv beschäftigt. Es handelt sich um etwas, das sich, auf einer existentielleren und ursprünglicheren Ebene — sozusagen sub contrario — auch in dem Bestreben widerspiegelt, neue Formen und Wege einer gelebten Auf¬erstehung zu entdecken, die sich in Kundgebungen wie den Protestkreuzigungen äußern: Jenseits aller möglichen Missverständlichkeiten helfen sie uns, den tiefen Realismus der Auferstehung so, wie sie sich im Schicksal des Gekreuzigten und Auferweckten manifestiert hat, zu begreifen.

Hierzu gehört auch die unerlässliche Aufmerksamkeit für den praktischen Aspekt und die damit verbundene Forderung, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Opfer im Mittelpunkt jeder christlichen Interpretation der Auferstehung stehen müssen. Vor allem im Hinblick auf die wahre und wirkliche Hoffnung all derer, die die menschliche Ungerechtigkeit oder sogar die natürlichen Gegebenheiten auf die unmittelbarste und schmerzlichste Weise mit dem Schicksal des Gekreuzigten vereinen. Doch auch im Hinblick auf alle anderen, die nur insofern aufrichtig an die Auferstehung glauben können, als sie schon in der Geschichte ein Leben beginnen, das in engagierter Solidarität mit den Opfern die auferweckende Kraft des Herrn nicht verleugnet, sondern in das gegenwärtige Leben vorverlegt. Hier wurzelt jeder echte christische und christliche Sinn, der der entscheidenden Lektion des Nazareners nicht untreu sein will. Und zugleich fällt dies, wenn wir an die Wurzeln zurückkehren, mit einer der vornehmsten Fragestellungen des gegenwärtigen Denkens über den Sinn der Geschichte zusammen: der "Sehnsucht danach, dass der Henker nicht über das Opfer triumphiert".

Die Dimension der Praxis verweist von selbst auf das ökologische Anliegen und die kosmische Tragweite, die im christlichen Festhalten an der Auferstehung im Fleisch so präsent ist. Als leibhafte, nicht als engelgleiche Wesen leben und verwirklichen sich Mann und Frau in strikter Solidarität mit der Natur. Die eschatologische Hoffnung muss auf geheimnisvolle Weise die materielle Schöpfung mit einschließen, so dass die Auferstehung, weit entfernt von jeglichem Eskapismus, zu einer Dynamik der Erneuerung und Versöhnung einer Erde führt, die durch den Menschen auch an den "Geburtswehen" zur endgültigen Fülle hin teilhat.

Eine Fülle, deren Hoffnung die Kirche auf intensive und beständige Weise in jedem einzelnen Tod feiert, der von der Auferstehung Christi erhellt und untrennbar mit seinem Geschick verknüpft scheint. Von der Fixierung auf ihren wunder-baren und exklusiven Charakter befreit, stellt die Auferstehung uns Jesus wirklich als den "Erstgeborenen der Toten" vor Augen, und zwar nicht nur im chronologischen, sondern im universaleren und tieferen Sinne der endgültigen Offenbarung; dessen nämlich, was der Gott der Lebenden "viele Male und auf vielerlei Weise" seit Anbeginn der Welt durch die eschatologische Hoffnung zu [505] offenbaren versucht, die in allen Religionen mehr oder weniger deutlich zu spüren war und ist.

Die neuen Ansätze nehmen dem biblischen und christlichen Auferstehungsverständnis nichts von seinem Reichtum und seiner Originalität, im Gegenteil: Sie bestätigen und erhellen es aus den unterschiedlichen Blickwinkeln, die die Arbeit der Gegenwartstheologie prägen — eine solidarische Arbeit, die mit niemandem in Konkurrenz tritt und niemanden ausschließt, sondern einen brüderlichen Aus-tausch mit den Beiträgen der anderen Religionen und mit den tiefsten Einsichten jener kulturellen Bemühungen pflegt, die für die Zukunft der Menschheit neue Wege suchen. Einmal mehr bringt die Herausforderung des Wandels, wenn man sie aufrichtig und um der Erkenntnis willen annimmt, wie schon so oft in der Geschichte Mühsal und vielleicht auch Verunsicherung, in jedem Fall aber die Chance mit sich, zu einem echten kairós zu werden, der das leuchtende Pascha-Mysterium des Auferweckten in neuen Nuancen erstrahlen lässt.

Als Herausgeber bedanken wir uns herzlich bei Marcella Althaus-Reid, Edward Farrugia, Rosino Gibellini, Harry McSorley, David Power und Elaine Wainwright für ihre Vorschläge bei der Planung dieses Hefts.

Aus dem Spanischen übersetzt von Gabriele Stein

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