Concilium 2006 / 4
Gesichter des Christentums in Afrika
Zu diesem Heft
Gesichter des Christentums in Afrika
Seit der Zeit der Apostel ist das Christentum in Afrika präsent. Im südlichen Afrika, wo es zuerst im 14. und 15. Jahrhundert und dann im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, ist es nicht länger eine importierte Religion, sondern ein unumgänglicher Bestandteil der gegenwärtigen afrikanischen Kultur. Die historischen Kirchen (die katholische, die evangelischen und orthodoxen) sind mittlerweile durch diese Kultur in ihren Liturgien, wie auch in ihrem Umgang mit Menschen und Dingen unverwechselbar geprägt worden. Das Christentum zeigt darüber hinaus aber auch andere Gesichter: in den unabhängigen oder afro-christlichen Kirchen und in den neuen Kirchen der Pfingstbewegung.
Diese afrikanischen Gesichter werfen eine Anzahl von Fragen für die Botschaft des Evangeliums und für die derzeitige Situation der afrikanischen Gesellschaften auf. Wie verhalten diese sich zu den Quellen des Christentums, insbesondere zur Bibel? Wie gehen die afrikanischen Kirchen und christlichen Gruppierungen mit den zahlreichen Krisen um, die den Kontinent verwüsten (Epidemien, Korruption, Armut, Auseinandersetzungen um die wirtschaftliche und politische Macht, Verletzung der Menschenrechte)? Wie sieht ihr Heilsverständnis aus?
Kommunikationsschwierigkeiten und die vielfältige Beanspruchung mancher Kollegen haben uns daran gehindert, Beiträge zu wichtigen Punkten wie der politischen Rolle der historischen und neuen Kirchen, zur Ökumene, zum Dialog der Religionen, zu den kirchlichen Basisgemeinden, den feministischen Theologien und den koptischen Kirchen in Ägypten und Äthiopien zu bekommen. Dennoch sind wir der Ansicht, dass die in diesem Heft veröffentlichten Texte die wesentlichen Fragen ansprechen und der Aufmerksamkeit wert sind.
Der erste Teil widmet sich den neuen Kirchen. Nachdem er die Geschichte der messianischen und prophetischen Bewegungen Afrikas in Erinnerung gebracht hat, beobachtet Dieudonné Espoir Atangana, dass diese messianischen Bewegungen die kolonialen und missionarischen Strukturen bekämpfen und sich dabei vom revolutionären Element der jüdisch-christlichen Offenbarung inspirieren lassen, während die prophetischen Bewegungen mit Hilfe des Ritus gegen Krankheit und Zauberei angehen. Selbst wenn keine strenge Trennung zwischen den beiden Tendenzen besteht, so hat man es heute besonders mit Bewegungen zur Heilung und zum Kampf gegen die Zauberei zu tun. Die Gründer-Messiasse und -Propheten der unabhängigen Kirchen, die von manchen Soziologen auch "schwarze [392] Christusse" genannt werden, neigen dazu, sich an die Stelle des Jesus von Nazaret zu setzen und sich gleichzeitig auf ihn zu beziehen; der Autor untersucht die Bedeutung der Christologie, die sich daraus ergibt.
Ludovic Lado interessiert sich in seinem Beitrag für die Ausbreitung der neu-pfingstlichen oder charismatischen Kirchen und fragt sich, wie der afrikanische Katholizismus, der noch auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist, mit der charismatischen Bewegung zusammenleben kann, die er bei sich aufgenommen hat. Es ist nicht uninteressant festzustellen, dass die meisten unabhängigen afrikanischen Kirchen von den Pfingstlern beeinflusst sind. Besorgniserregend ist dabei die neu-pfingstliche Theologie des materiellen Wohlstandes: Skrupellose "religiöse Unternehmer" bereichern sich auf dem Rücken der Bevölkerung, die Hunger und Krankheiten ausgesetzt ist. Die wirtschaftlichen und politischen Fragen werden hier nie angeschnitten, während man in Lateinamerika Pfingstler auch unter den Vordenkern der Befreiungstheologie findet. Was die katholische charismatische Bewegung angeht, so besteht man auf der persönlichen Erfahrung der Geistesgaben für das christliche Zeugnis, nicht aber auf der Zungenrede und dem Charisma des Heilens. Die Zukunft der charismatischen Bewegung in Afrika wird von der Ausbildung der Laien und dem rechten Gleichgewicht zwischen der institutionellen Kontrolle und der Freiheit des Geistes abhängen. Es ist ebenfalls notwendig, dass Katholiken und Pfingstler eine theologische Diskussion über Wiedergeburt, Inkulturation und Heil beginnen.
Modeste Malu Nyimi schließlich beschreibt die Bedeutung der Basisgemeinden und Evangeliumsbruderschaften im Gefüge der afrikanischen Kirchen und unter-sucht die Hermeneutik der afrikanischen kontextuellen Theologie.
Im zweiten Teil dieses Hefts werden Fragen behandelt, welche die Bibel, das Dogma, die Liturgie und die kirchlichen Institutionen betreffen.
Paulin Poucouta stellt verschiedene afrikanische Studien über den historischen Jesus vor. Auch wenn die Beziehungen zwischen dem Ägypten der Pharaonen und dem Alten Testament, in dem Jesu Wirken verwurzelt ist, unbestreitbar sind, so muss man doch feststellen, dass der bei manchen afrikanischen Intellektuellen populäre Pharaonismus mit keinem Wort auf die Bibelkritik eingeht. Will man um jeden Preis darauf bestehen, dass Jesus in Ägypten eine Initiation erfuhr, so führt dies beispielsweise zu einer fundamentalistischen und ideologischen Lektüre des Berichts von der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten (Mt 2,13-23). Der Autor berichtet über zwei weitere Studien zu "Jesus, dem Juden": eine narratologische Studie über die Beziehungen zwischen Jesus und den Verantwortlichen seines Volkes sowie eine historisch-kritische Untersuchung über "Jesus und den Sabbat". Für ihn ist eine interdisziplinäre Arbeit unerlässlich, wenn man Fundamentalismus und Konkordismus entgehen will. Diese Arbeit wird es auch erlauben, die "historische und subversive Dynamik des Redens und Handelns Jesu wahrzunehmen": Jesulogie und Christologie sind untrennbar miteinander verbunden.
Gewöhnlich spricht man von Inkulturation in Bezug auf die Liturgie, die Katechese, oder die Pastoral. Wie steht es aber mit der Inkulturation der Glaubensaussagen? [393] Léonard Santedi Kinkupu erinnert an die theologischen Fundamente der Inkulturation: Es sind die drei Mysterien der Menschwerdung, der Auferstehung und des Pfingstereignisses. Das Evangelium, das sich in alle Kulturen inkarnieren muss, reinigt diese, und durch die Kraft des heiligen Geistes bringen sie verschiedene und einzigartige Ausformungen des Christentums zur Welt. Dies geschieht derart, dass "die Universalität der Kirche sich eher in Begriffen der Gemeinschaft von Kirchen [...] als der Uniformität und Übereinstimmung mit einem einzigen Modell ausdrückt". Die Inkulturation der Lehre ist eine kreative Rezeption der Glaubensaussagen, ein hermeneutischer Vorgang, der darauf aus-gerichtet ist, den Sinn des Geheimnisses zu bewahren und neue, dem jeweiligen kulturellen Kontext angemessene Ausdrucksformen zu finden. Doch es kommt darauf an, diese hermeneutische Aufgabe nicht von der ethischen Dimension des Evangeliums und der Inkulturation zu trennen.
Das II. Vaticanum hat gegen ein zu formelhaftes Verständnis der Offenbarung die Rückkehr zur Bibel gefördert und die zentrale Stellung der Schrift für alle Bereiche der Kirche bekräftigt. Die Bibel wurde in viele afrikanische Sprachen übertragen und dieses große Übersetzungsvorhaben geht weiter. Gemäß der Lehre des Konzils haben die "Zairische Messe" und andere liturgische Erneuerungen es erlaubt, den Platz und die Bedeutung des Wortes Gottes in der eucharistischen Feier wiederzuentdecken. Das Konzil hat ebenfalls die Verbindung zwischen Liturgie und Leben unterstrichen. Doch gibt es auch dunkle Stellen in diesem Bild. Für Éloi Messi Metogo hinterlässt selbst Dei Verbum noch den Eindruck, die Schrift solle der Tradition und dem Lehramt untergeordnet werden. Die Bibelübersetzungen werden selten nach den Originaltexten erstellt und mit Erklärungen versehen. Mangelnde Ausbildung, der Fundamentalismus der neuen Kirchen und die Unbilden der Zeit machen aus der Bibel eine Sammlung magischer Formeln und verfälschen den Sinn des Gebets. Die Überbewertung der Person des Priesters in Johannes Pauls II. Enzyklika über die Eucharistie und in der "Zaüischen Messe" fördern nicht die aktive Teilnahme der Laien an der Eucharistie. Doch diese müssen den ihnen gebührenden Platz in der Liturgie und im christlichen Gebet wiederfinden. Und schließlich hindern die Rivalitäten und Kämpfe um Einfluss die Liturgie daran, der Ort zu sein, an dem die christliche Brüderlichkeit als Vorgeschmack des Gottesreiches und als Sendung in die Welt zuerst spürbar wird.
Für viele ist das Ordensleben ein Rätsel, wenn nicht eine Absurdität, obwohl Afrika hauptsächlich von Ordensleuten missioniert wurde. Sidbe Semporé unterstreicht die Bedeutung des afrikanischen Ordenslebens, das aus der Diakonie der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung lebt, und weist zugleich auf die Herausforderungen hin, die sich stellen, wenn das angefangene Werk weitergeführt werden soll. Eine bestimmte Theologie des Ordenslebens, das Gewicht der Traditionen sowie der wirtschaftliche und soziale Kontext bringen die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams in Schwierigkeiten. Das afrikanische Ordensleben bleibt wirtschaftlich von außen abhängig, wie es auch durch eine Geschichte und Traditionen gekennzeichnet ist, die Afrika fremd sind. Werden die Mönche [394] und Nonnen des Kontinents den Mut haben, "sich das Salz und den Sauerteig des Gründungscharismas des Geistes zu eigen zu machen, um das Ordensleben neu zu definieren und umzugestalten [...]"? Dies setzt voraus, dass die Ordensinstitute über ihre Kirchturmspitze hinausblicken und den Stammesgeist überwinden, um sich zusammenzufinden und gemeinsame Projekte auszuarbeiten.
Die afrikanischen Bischöfe und Theologen sind davon überzeugt, dass die Afrikanisierung des Christentums den Weg über die Afrikanisierung der Kirchenstrukturen nehmen muss. Silvia Recchi zeigt, dass die Ekklesiologie des II. Vaticanums der Schaffung eines Sonderrechts einen wichtigen Raum eingeräumt hat und fragt sich, ob die Diözesanbischöfe und Bischofskonferenzen sich dessen bewusst sind. Gewiss liegt die Beziehung zwischen dem Besonderen und dem Universalen in der Kirche jenseits von Zentralisation und Dezentralisation und der Pluralismus wird immer durch die Erfordernis der Gemeinschaft begrenzt sein. Doch das "Gewicht" der Zentralgesetzgebung ist noch beträchtlich und das Problem der Inkulturation bleibt eine Herausforderung für das Kirchenrecht.
Der einzige Beitrag des dritten Teils behandelt die Sexual- und Familienmoral in den historischen Kirchen. In seiner Weihnachtspredigt von 2005 hat der Erzbischof von Jaunde (Kamerun) homosexuelle Praktiken verurteilt, die zu einer Voraussetzungwerden, um auf eine höhere Schule zu gelangen, eine Arbeitsstelle zu finden oder befördert zu werden. In Bezug auf Aids fragen sich viele Christen, ob das Verbot des Präservativs durch die katholische Kirche noch realistisch ist angesichts der ständig steigenden Anzahl von Ansteckungen und Todesfällen, während die evangelischen Kirchen eine gemäßigtere Position vertreten. Für Jean-Bertrand Salla ist es jenseits oder noch vor der Diskussion über das Präservativ und die Abneigung der Afrikaner gegen die Homosexualität dringlich, die "Methoden der pastoralen Begleitung und Evangelisierung der Familien" zu erneuern und eine "Entwicklungspastoral" zu fördern, die "die Anklage der Menschenrechtsverletzungen durch korrupte politische Regime" einschließt.
Der vierte und letzte Teil dieses Heftes umfasst ebenfalls nur einen einzigen Beitrag: einen Aufsatz von Éric de Rosny über das Amt des Heilers. Die katholische Kirche hat sich immer für das Amt des Heilens eingesetzt, durch medizinische Einrichtungen und durch den geistlichen Beistand für Kranke. Was neu ist, ist die Ausweitung der Vorstellung von Gesundheit, die nunmehr ebenso den Körper wie die Seele betrifft und damit eine alte afrikanische Sicht der Gesundheit aufnimmt. Daraus folgt eine therapeutische Förderung der Aktivitäten, die man "geistlich" nannte. Gerade dies geschieht in der charismatischen Gemeindeerneuerung und in der Praxis der Priester, die von Gläubigen um eine Heilung gebeten werden. Doch wie lassen sich Heilungsbitte und das von Christus gebrachte Heil in Beziehung setzen?
Wir haben bereits auf die Grenzen dieses Heftes verwiesen. Doch wir hoffen, dass es einen Eindruck von den Gesichtern des afrikanischen Christentums und den Herausforderungen der Evangelisierung des Kontinents vermitteln kann, in Erwartung einer tiefer gehenden Untersuchung und Reflexion.
Unser Dank geht an die Kolleginnen und Kollegen, die die Vorbereitung dieses [395] Heftes mit Rat und Tat unterstützt haben: Marcella Althaus-Reid, Erik Borgman, Virgilio Elizondo, Edward Farrugia, Rosino Gibellini, Enzo Pace, David Power, Marie-Theres Wacker und Elaine Wainwright.
Aus dem Französischen übersetzt von Uwe Hecht