Concilium 2005 / 5
Islam und Aufklärung: neue Fragen
Zu diesem Heft: Islam und Aufklärung aufgeklärte Islam Islam als Aufklärung
Erik Borgman und Pim Valkenberg
Der 11. September 2001 ist weltweit zu einem Symbol geworden. Die Bilder der beiden Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Centers in New York hineinfliegen, die wieder und wieder in den Medien der ganzen Welt gezeigt wurden, symbolisieren seither die vermeintliche Bedrohung des friedlichen Westens durch einen aggressiven Islam. Die Bombenanschläge in Madrid am 11. März 2003 und in London am 7. und 21. Juli 2005 bestätigten in den Augen vieler Beobachter, dass Samuel Huntingtons Clash of Civilizations ("Zusammenstoß der Zivilisationen") Realität geworden sei. Es gibt eine Verteidigungslinie der christlichen Werte gegenüber dem Islam, die einen ausgesprochen religiösen Charakter hat; ihr Repräsentant ist US-Präsident George Bush. Eine neue Erscheinung ist hingegen die Polemik gegen den Islam und die Art und Weise, wie er gegenwärtig nach den liberalen Maßstäben der Aufklärung beurteilt wird, an welchen es ihm ernstlich ermangele.
Die jüngsten Entwicklungen in den Niederlanden, von denen einige internationale Schlagzeilen machten, können als Beleg dafür gelten. Zuerst brach der populistische Politiker Pim Fortuyn das Tabu, indem er den muslimischen Glauben angriff, weil er für eine "rückwärts gewandte Kultur" stehe. Nach der Ermordung Fortuyns am 6. Mai 2002 hielt man dies für mutig und für einen längst überfälligen Bruch mit einer repressiven politischen Korrektheit. Der Kolumnist, Medienmensch und Regisseur Theo van Gogh nannte Muslime regelmäßig "geiteneukers" (Menschen, die sexuellen Verkehr mit Ziegen haben). Derselbe Theo van Gogh ist Autor des Films Submission 1; er machte ihn zusammen mit Ayaan Hirsi Ali, einer niederländischen Politikerin somalisch-islamischer Herkunft, die sehr präsent in den Medien ist und den Islam schonungslos als frauenfeindlich und tyrannisch kritisiert, als Hindernis für die Freiheit und Würde der Menschen. Submission 1 wirft dem Islam und dem Koran vor, Gewalt gegen Frauen zu befürworten. Theo van Gogh wurde am 2. November 2004 grausam ermordet von Mohammed Bouyeri, einem selbst ernannten Verteidiger des Islams. Bouyeri hinterließ eine Nachricht bei van Goghs Leichnam, worin er erklärte, warum er Hirsi Ali nicht ermordet hatte, obwohl dies in einem gewissen Sinn für ihn naheliegend schien. Im Zuge all dieser Ereignisse und während Hirsi Ali und andere Parlamentsmitglieder heimlich in anderen Wohnungen untergebracht und [472] monatelang rund um die Uhr von Leibwächtern bewacht wurden schlug die beinahe sprichwörtliche niederländische Toleranz für religiöse Unterschiede um in eine Haltung, die manchmal nach eklatanter Islamophobie aussieht und nicht selten nach einem Hass auf alles Religiöse.
Im ersten Teil dieser Ausgabe von CONCILIUM wird die Frage gestellt, was aus dem westlichen Umgang mit dem Islam und den Muslimen geworden ist und warum sich dieser Umgang so sehr verändert hat. Theo de Wit zeigt, wie sich die Dinge in den Niederlanden entwickelt haben und was dabei die internationale Aufmerksamkeit erregte. Er stellt klar, dass die Frage nach einer Politik der Toleranz wieder auf der Tagesordnung steht, nachdem sich ein oberflächlicher Multikulturalismus als Illusion erwiesen hat. Marcel Poorthuis analysiert und kritisiert das Bild der islamischen und westlichen Welt in dem einflussreichen Buch What Went Wrong? ("Was ging schief?") des amerikanischen Islamwissenschaftlers Bernard Lewis. Lewis' Ansatz scheint exemplarisch zu sein für die derzeitige Darstellung des Islams und seiner Geschichte in der westlichen Welt. Marc De Kesel gräbt nach der fundamentalistischen Logik in Mohammed Bouyeri Brief, den jener bei Theo van Goghs Leichnam zurückgelassen hat, und arbeitet heraus, dass der Fundamentalismus nicht so antimodern ist, wie das für gewöhnlich dargestellt wird, und dass er in seinem Innersten von einer Todesobsession beseelt ist. Karen Vintges beschäftigt sich damit, wie Islam und Aufklärung zueinander in Kontrast gesetzt werden und wie insbesondere der Feminismus einen Kontrast abgibt in den Selbstdarstellungen und Medienpräsentationen einflussreicher Islam-Kritikerinnen wie Ayaan Hirsi Ali in den Niederlanden und Chahdortt Djavann in Frankreich. Wir sollten uns Islam und Feminismus nicht als Alternativen denken, schreibt Vintges, sondern uns einlassen auf einen Prozess des gegenseitigen Lernens zusammen mit der wachsenden Bewegung des islamischen Feminismus.
Die Gegenüberstellung einer freien, friedliebenden und säkularen westlichen Moderne einerseits und eines tyrannischen, gewalttätigen und religiös rückständigen Islam andererseits verzerrt die Wirklichkeit in gravierender Weise. Dadurch werden nicht nur die Gewalt der westlichen Moderne und ihre himmelschreienden weltweiten Auswirkungen verschleiert, sondern es werden auch die Vielfalt und die intensiven Diskussionen innerhalb des Islams übergangen. Das Verhältnis zwischen Religion und Gewalt, Religion und Unterdrückung, Religion und Politik, Religion und Demokratie wie auch zwischen Religion und Befreiung wird in der islamischen Welt mindestens so heftig debattiert wie im Christentum. Aus diesen Debatten heraus hat der Islam einen Beitrag zu leisten zu den Versuchen, die Zukunft der Welt zu gestalten, und dieser Beitrag verdient es, ernst genommen zu werden. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es gewalttätige Tendenzen in der islamischen Welt wie auch in anderen Religionen gibt, dass es Gruppen von Muslimen gibt, die Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen verteidigen und Krieg gegen die moderne Zivilisation predigen. Doch wenn Islamisten und Säkulare in merkwürdiger Einigkeit behaupten, all dies sei typisch für die Religion im Allgemeinen und ein unveräußerliches Merkmal [473] des Islams im Besonderen, dann sollte dies keinesfalls fraglos akzeptiert werden.
Der zweite Teil dieser Ausgabe von CONCILIUM thematisiert neue Entwicklungen innerhalb der islamischen Tradition, die nicht allgemein bekannt sind. Nelly van Doorn stellt weibliche und feministische Interpretationen des Korans vor und zeigt, wie Frauen den Koran als Charta für ihre Rechte nutzen. Asma Afsaruddin erläutert, wie die Hadith-Literatur, die islamischen Überlieferungen der Worte und Taten des Propheten, heute interpretiert wird. Thomas Michel führt in die neo-sufistische Spiritualität des türkischen Gelehrten Fethullah Gülen und seiner Anhänger ein, für die Dialog und ethische Verantwortung zentrale Werte sind. Erik Borgman stellt drei Intellektuelle aus dem muslimischen Kulturkreis vor, denen für ihre Beiträge zur Kultur der Gegenwart 2004 der renommierte Erasmus-Preis verliehen wurde: Fatema Mernissi, Sadik Al-Azm und Abdolkarim Soroush.
Als Zeitschrift sieht sich CONCILIUM schon immer der Überzeugung verpflichtet, dass die religiösen Überlieferungen von großer Wichtigkeit sind, denn sie bieten fruchtbare und befreiende Visionen des Menschseins und der Welt, Visionen der Bedeutung von Befreiung und wie sie erreicht werden kann. Ein wichtiger Punkt in diesem Heft ist es deshalb zu zeigen, dass der Islam eine bedeutsame Tradition gerade in dieser Hinsicht ist, weshalb christliche Theologen den Dialog mit dem Islam auch unbedingt verstärken sollten, trotz des gegenwärtigen Klimas und ohne die verschiedenen Probleme zu leugnen, mit denen wir uns dabei konfrontiert sehen. Den dritten Teil dieser Ausgabe eröffnet Hans Küng, der kürzlich ein viel gepriesenes Buch über den Islam veröffentlichte und nun im hier vorliegenden Artikel entfaltet, worin er die Bedeutung der muslimischen Tradition in der Welt von heute sieht. Pim Valkenberg diskutiert, in welchem Sinn das Verständnis von Judentum, Christentum und Islam als "abrahamitischen Religionen" noch immer eine Zukunft hat. Erik Borgman schließlich tritt für die Idee ein, dass Christentum und Islam einander gegenseitig helfen können, zu einem Raum befreiender Aufklärung zu werden, indem sie nach dem transzendenten und verborgenen, jedoch gegenwärtigen Gott, zu dem sie sich beide bekennen, auf der Suche bleiben.
Dieses CONCILIUM-Heft schließt mit einem dokumentarischen Teil, worin Theodore Gabriel aufzeigt, wie sehr sich das Bild von Islam und Muslimen in den Medien von deren Selbstbild unterscheidet, und Lucinda Ory die Reaktionen britischer Religionsvertreter auf die Bombenanschläge in London dokumentiert.
Als Herausgeber möchten wir Hille Haker, Maureen Junker-Kenny, Solange Lefebvre, Luiz-Carlos Susin und Natalie Watson für ihre Hilfe und Vorschläge bei der Vorbereitung dieses Hefts herzlich danken.
Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Reck