Concilium 2005 / 3
Zu diesem Heft
Jon Sobrino und Felix Wilfred
Die spontanen Bekundungen von Liebe und Zuneigung, die der Führungsspitze der Kirche in der Person des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. von Menschen aus allen Schichten, Berufen und religiösen Überzeugungen weltweit entgegengebracht wurden, zeugen von der Präsenz, dem Potential und dem Einfluss des Christentums in der Welt. Das Ereignis brachte vielen zu Bewusstsein, welchen Beitrag das Christentum für die Menschheit leisten könnte, wenn es sein reiches Erbe voll ausschöpfen würde. Und weiter, wenn wir einen Blick auf das Christentum in den verschiedenen Weltgegenden werfen, vornehmlich in den sich entwickelnden Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Ozeaniens, dann können wir über seine Fähigkeit, die Frohe Botschaft, die es auszurichten gilt, neu als Befreiungsbotschaft zu begreifen und mehr Menschlichkeit in die Welt hineinzubringen, nur staunen. Und um den Werbespot noch attraktiver zu machen Religion befindet sich, vielleicht mit Ausnahme des Westens, überall im Aufwind. Welchen Sinn macht es dann, vom Christentum in der Krise zu sprechen? Stehen wir hier vor einem Paradox?
Tatsache bleibt, dass trotz all dieser positiven Elemente das Christentum von einer tiefen Krise erfasst ist, was ganz offensichtlich auf die vormals christlichen Nationen des Westens, aber auch auf andere Teile der Welt zutrifft.
I.
Beginnen wir also die Analyse mit der allgemeinen Feststellung, dass in einer Welt, die sich immer mehr verändert, die immer mehr "eine andere" wird, Krisen unvermeidlich sind. Darüber sollte man kein Klagelied anstimmen, da Krisen für jede Person, Institution oder Gruppe, die in einem Wandlungsprozess zu neuen Ufern aufbrechen, ein Zeichen von Lebendigkeit sind. Gäbe es keine Krise, so hieße das nur, das Christentum würde von der Begegnung mit "dem Anderen", dem von ihm "Verschiedenem" nicht innerlich berührt. Denn jede Begegnung dieser Art löst in einem für Neues empfänglichen Geist eine Krise aus. Sofern sie rettet und befreit, sollten wir vor ihr keine Angst haben. Im Gegenteil: Bliebe sie aus, so wäre das fatal, ein Zeichen von Verfall und Tod.
Schlimmer noch wäre freilich die Weigerung, die Existenz einer Krise anzuerkennen. Die Behauptung, es gebe keine und alles sei völlig "normal", würde uns an den Vogel Strauß erinnern, der seinen Kopf in den Sand steckt und sich selbst einredet, es gebe überhaupt keine Welt! In religiöse Sprache übertragen, hieße das, wir weigern uns anzuerkennen, dass wir vor dem Geheimnis eines Gottes stehen, der Neues und Unerwartetes schafft und sich nicht manipulieren lässt, vor dem Geheimnis eines Geistes, der weht, wo er will. Es wäre ein Zeichen von Arroganz, wollten wir von uns selbst aus entscheiden, was uns zum Heile gereicht. Ja, es wäre ein radikaler Mangel an Vertrauen in Gottes (unbegreifliche) Wege, die Menschheit zu retten.
Krisen sind kein spezifisches Merkmal des Christentums. Ungeachtet der großen technologischen und wissenschaftlichen Fortschritte, von denen die Medien weltweit und lautstark berichten, ist doch die gemeinsame Grunderfahrung die, dass unsere Welt wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit in einer tiefen Krise steckt. Man kann diese Wahrheit nicht mit noch so viel Lügen oder zynischer Selbstgefälligkeit übertünchen. Die glänzende Fassade des technischen Fortschritts und die gewachsene Fähigkeit der Menschheit, Naturprozesse zu steuern, können das Elend, in dem sie festgefahren ist, nicht verbergen. Die Krise, die wir durchleben, ist eine Krise des Menschseins: Wie können sechs Milliarden Menschen als Glieder einer Familie in Solidarität zusammenleben, und nicht als bloße Angehörige einer Gattung, wo der eine den anderen nach darwinistischer Manier bekämpft. Im Grunde könnte man die Situation unserer in eine Krise verstrickten Welt als den antagonistischen Streit gegensätzlicher Realitäten begreifen: Menschlichkeit gegen Unmenschlichkeit, mitfühlende Solidarität gegen gefühllose Gleichgültigkeit. Einen solchen Streit zu beenden erfordert Engagement und Parteinahme im Kampf um Wahrheit gegen die Lüge, um Leben gegen den Tod.
Jede Analyse und Perspektive einer Christenheit in der Krise muss in diesen weiteren Rahmen einer krisengeschüttelten Welt hineingestellt werden. Deshalb heißt die erste darauf bezogene Frage: Hat das Christentum sich mitten in diese Welt hinein inkarniert und sie in eine Krise versetzt, wie es das Evangelium verlangt? Die Krise, die es gerade durchmacht, könnte man, mit Blick auf die "Zeichen der Zeit", als Weg zur Neuentdeckung und Neuerfahrung des Evangeliums deuten oder als Weg, der durch Selbstisolierung von der Welt in den Verfall und Niedergang führt.
Um die Krise positiv im Sinne von neuen Möglichkeiten zu deuten, das Evangelium in den ganz unterschiedlichen Kontexten unserer Welt zu neuem Leben zu erwecken (oder - negativ - es feierlich zu Grabe zu tragen), müssen wir uns vom rein quantitativen Denken lösen und zu qualitativen Kategorien übergehen. Christlicher Glaube ist prinzipiell keine Frage der Quantität (nach der Zahl der Mitglieder, der Institutionen, der Ämter in der Kurie oder der in den Stand der Heiligkeit erhobenen Menschen); sein Erfolg lässt sich auch nicht an Massenbekehrungen ablesen, wenn auch die Kirche in jüngster Zeit diesen Eindruck erweckt haben mag.
Das Christentum hat vielmehr in Treue zu seinen Wurzeln im Evangelium etwas mit der Kraft und Güte seiner Botschaft zu tun. So darf die Krise weder an den westlichen Kirchenaustritten, noch an der Zahl jener gemessen werden, die der Kirche in den sich entwickelnden Ländern fernbleiben. Das sind quantitative Denkmuster, die kein wirklichkeitsgerechtes Bild vermitteln; über die Krise muss vielmehr auf einer tieferen Ebene reflektiert werden. Das heißt nicht, dass eine quantitative Analyse völlig irrelevant sei; von Bedeutung ist sie insofern, als sie uns darüber Aufschluss geben kann, ob sich der christliche Glaube unter den Menschen vertieft oder verflacht.
Weiter ist stets zu bedenken, dass jede Krisendefinition vom definierenden Subjekt abhängt. Das Wort "Krise" könnte dann je nach persönlichen Orientierungen, Optionen oder Vorentscheidungen durchaus Verschiedenes bedeuten. Wie man sie versteht, analysiert und auf sie reagiert, hängt von der Perspektive ab. So mag zum Beispiel ein Teil des Kirchenvolkes den Eindruck einer Krise haben, weil ihre Kirche nicht mehr die gleiche, wohlvertraute Institution von früher ist, die man liebte mit all ihren Traditionen, Praktiken, liturgischen Gebräuchen, ihrem Führungsstil und ihren Werten sowie dem Bekenntnis der "Rechtgläubigkeit" usw. Mit dieser Art von Krise wird sich dieses Heft von CONCILIUM nicht befassen. Historisch gesehen hat dieses spezielle Krisenverständnis etwas mit dem Verlust des gesellschaftlichen Einflusses der Kirche und ihrer Institutionen zu tun, mit dem Verfall ihrer Autorität und einer Sinnentleerung ihrer traditionellen Symbole.
Die Neuzeit sah die Krise als Unfähigkeit des Christentums, auf eine "mündig gewordene Welt" angemessen zu reagieren. In diesem Urteil steckt viel Wahres. So begannen die Intellektuellen, sich vom Christentum abzuwenden. Im Umkreis und Gefolge des Zweiten Vaticanums entwickelte sich eine neue Art theologischen Denkens, die ein Überleben des Christentums ermöglichte, und manche machten sogar die neue Erfahrung, ihren Glauben zu leben, etsi Deus non daretur. Wir können wahrscheinlich sagen, dass diese Art von Krise heute im Prinzip überwunden ist.
Doch im Rückblick hat es den Anschein, dass man dabei von der Annahme ausging, die mündig gewordene Welt habe in der aufgeklärten menschlichen Vernunft einen neuen Bezugspunkt für ihr Handeln gefunden. Mündig freilich wird die Welt nicht allein durch den Vollzug der kritischen Vernunft, hinzukommen muss die Kraft der moralischen Vernunft. Das zeigte sich deutlich in der Konfrontation mit einer Welt der Armut und Unterdrückung, und es zeigt sich heute noch deutlicher in einer Welt des Überflusses.
Wir müssen außerdem nachdrücklich betonen, dass sich der Schwerpunkt der Krise immer mehr verschiebt und heute die Frage betrifft, ob das Christentums noch fähig ist, auf die Forderungen der moralischen Vernunft angemessen zu reagieren. Armut, Ungerechtigkeit und Unterdrückung stehen im Widerspruch zur moralischen Vernunft. Und hier liegt die eigentliche crux. Wir müssen (heute) eine Krise erforschen und analysieren, die entstanden ist, weil wir auf die neue Armutssituation eines Großteils der Menschheit unzureichend und nicht mit angemessenen Mitteln reagiert haben.
Eine angemessene Antwort fordert die moralische Vernunft heute auch auf die Pluralität religiöser Traditionen. Nicht die vielen verschiedenen Religionen als solche haben im Christentum eine Krise ausgelöst, sondern das Unvermögen, darauf eine angemessene Antwort zu finden. Das trifft zumindest für Asien zu, doch anderswo auf der Welt macht man immer mehr die gleiche Erfahrung.
II.
Werfen wir noch einen kurzen, wenn auch summarischen Blick auf die innerchristlichen Ursachen der Krise. Hier können wir zwei grundlegende Stränge ausmachen. Der eine liegt in der Art und Weise, wie die Kirche, genauer: die institutionell verfasste Kirche, heute als Sakrament Christi, als Leib Christi in der Geschichte wahrgenommen bzw. aufgefasst wird. Der andere betrifft die Wirklichkeit, nicht irgendeines, sondern des christlichen Gottes.
Die Krisensituationen, mit denen wir es konkret zu tun haben, hängen weitgehend mit dem Führungsstil vor allem der römisch-katholischen Kirche zusammen. Mitverursacht sind sie durch die Marginalisierung der Frauen, die schwindende Glaubwürdigkeit der institutionellen Kirche und ihrer Strukturen als Folge der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, ganz zu schweigen von den vielen Skandalen ihrer Priester. Nicht zuletzt ist die Krise mitbedingt durch den innerkirchlichen Dissens und die Konflikte unter den Christen selbst.
Nach außen in Erscheinung treten kann sie in Form von Opposition und Widerstand. In einem solchen Fall besteht noch die Hoffnung, sie zu überwinden, da nach den Idealen, für die das Christentum eintritt, im Grunde ein tiefes Bedürfnis besteht. Am schlimmsten äußert die Krise sich da, wo uns totale Gleichgültigkeit und Apathie entgegenschlagen. Leider scheint der christliche Glaube, zumindest im Westen, dort bereits angekommen zu sein. Auch die nachkonziliare Entwicklung in der römisch-katholischen Kirche könnte man, wenn man sie einer konkreten Analyse unterzieht, als Krisensituation bezeichnen. Ging es doch einmal auf dem Konzil um Reformen, für die man mit Vehemenz kämpfte, um Dezentralisierung, neue Strukturen usw. Seitdem hat sich diese Situation weiter verschärft, und heute herrscht unter vielen Christen eine gewisse Enttäuschung an ihrer Religion, am stärksten vielleicht in Europa, aber auch anderswo ist sie nicht ganz unbekannt.
Der Kern der Krise betrifft jedoch die Gottesfrage und die nach der Gottessohnschaft Jesu. Beide Fragen gehen in mehr als einem Sinne das Christentum insgesamt, alle Kirchen und jeden einzelnen Gläubigen etwas an.
Die Diagnose, es gehe hier nicht bloß um eine Krise des Christentums oder der Religion, sondern im Grunde um eine "Gotteskrise", bezieht sich vor allem auf den Westen. Die Wirklichkeit dahinter ist hinreichend bekannt. Ein Großteil der Menschen glaubt nicht mehr an Gott. Dabei stellt sich für die Kirche die beunruhigende Frage: Wie kann das Christentum einer Gesellschaft, die in einer "Gotteskrise" steckt, helfen, wenn sie selbst davon betroffen ist? Da sie diese grundlegende Gotteskrise nicht lösen kann, verstrickt sich die Kirche immer tiefer selbst darin allerdings nicht deshalb, weil sie sich in pelagianischer Weise frustriert fühlt, sondern weil sie sich als machtlos empfindet, Gott Frohe Botschaft in die Welt hineinzutragen. Diese alles entscheidende Frage zeigt, wie aktuell das Thema dieser Ausgabe von CONCILIUM ist. Wenn die Kirche aus welchen Gründen auch immer sich als unfähig erweist, die Menschen auf ihrer Suche nach Gott in aller Demut zu begleiten, damit sie ihn auch finden, dann steckt sie selbst mitten in der Krise. Erschreckend dabei wäre, die Worte der Schrift könnten auch auf sie zutreffen: "Euretwegen wird unter den Heiden der Name Gottes gelästert" (Röm 2,24; Jes 52,5).
Doch die Krise steht mit Gott noch in einem weiteren, tieferen Zusammenhang. Der Gott, an den die Kirche glaubt, ist ein Gott der Armen, der sich in die Gebrechlichkeit menschlicher Existenz hinein begeben und Fleisch (sarx) angenommen hat. Wenn wir diese kenosis Gottes ernst nehmen, wie uns das Neue Testament lehrt, dann sind wir aufgefordert, an einen leidenschaftlich mitleidenden Gott zu glauben, der in voller Solidarität zu uns steht. Dann sind wir aufgefordert, "Überbringer der Botschaft dieses Gottes" in der Geschichte zu sein. Daher ist der christliche Glaube offenbar nur dann eine Frohe Botschaft, wenn wir an diesen sich selbst entäußernden Gott glauben, der auf diesem Weg uns, die Kirche und die Welt in die Krise führt. So gesehen wird uns die Gotteskrise zum Heil gereichen.
III.
Nun noch ein paar Bemerkungen zu den Beiträgen der vorliegenden Ausgabe. Auch wenn sie aus unterscghiedlichen Perspektiven geschrieben sind, weisen ihre Analysen und Interpretationen doch eine gewisse Konvergenz auf.
Dass die Menschen vom Christentum und dessen Krise frustriert sind, hat etwas mit dessen Identität, Glaubwürdigkeit, seiner stereotyp wiederholten Relevanz und mit dem Versuch zu tun, das Evangelium durch Macht zu ersetzen. Einer wachsenden Zahl von Menschen bedeuten die traditionelle Symbolik, die überkommenen Rituale und Praktiken für ihren Alltag herzlich wenig. Die Flut kirchlicher Dokumente aus Rom und anderen Zentren stößt offenbar auf taube Ohren. Für andere steckt die Kirche aufgrund unausgewogen gesetzter Prioritäten in der Krise, so zum Beispiel, wenn sie meint, sie müsse ihre institutionellen Interessen verteidigen und ihre Priester auf Kosten von Kindern und anderen Opfern in Schutz nehmen, dabei aber die eigene moralische Autorität untergräbt.
Die Beiträge von Teil I konzentrieren sich auf die Ursachen der Krise. Diese haben etwas zu tun mit dem übertriebenen Festhalten an der Tradition, wodurch das Christentum mit den neuen Wirklichkeiten und Erfahrungen einer multireligiösen Welt mit ihren Traditionen nicht zurechtkommt (Claude Geffré); sodann mit einer Verweigerungshaltung gegenüber den Reformansätzen des Zweiten Vaticanums (José Ignacio González Faus), die die memoria passionis einfach beiseite schiebt und die Wehr- und Machtlosen vergisst (Jürgen Manemann) sowie mit Dogmatismus und Intoleranz (Felix Wilfred).
In Teil II werden verschiedene geographische Räume auf ihre Krisenphänomene hin untersucht. In Europa zeigen sie sich in einem schwindenden Mitgefühl und in einem zur Privatsache verflachten Glauben. In ihrem Beitrag weist Martha Zechmeister darauf hin, dass die Verfassung der Europäischen Union keinerlei Hinweis auf die jüdisch-christlichen Wurzeln enthält; sie setzt sich mit dem Verhältnis des Christentums zu einem säkularisierten und privatisierten Europa auseinander. Wie es in der Vergangenheit Auschwitz war, so ist in ihrer Sicht heute der liberale Kapitalismus, dem immer mehr Menschen zum Opfer fallen, für die Krise Europas und des Christentums verantwortlich. Prophetischer Mut europäischer Christen würde bedeuten, die marktstärkenden Idole, die immer weitere Opfer fordern, beim Namen zu nennen und in einer allen verständlichen Sprache öffentlich anzuprangern. Auf diese Weise würde das Christentum in Europa auch politische Relevanz erhalten.
In Asien mit seiner Armut, seinen Religionen und Kulturen muss die Kirche erst noch getauft werden (Adolfo Nicolás). In Afrika dauert die Krise seit den unseligen Anfängen einer Verknüpfung von Kolonisation und Evangelisation weiter an (Peter Kanyandago). In Nordamerika hat sich die Situation dramatisch gewandelt, doch immer noch vermittelt die Kirche das Gefühl von "Normalität" (Joan Chittister). Die südamerikanische Kirche, bis jetzt ein mächtiger gesellschaftlicher Bezugspunkt, versinkt inmitten einer Krise von Spiritualität und Hoffnung immer mehr in Bedeutungslosigkeit (Eduardo de la Serna).
Teil III befasst sich paradigmatisch mit einigen Krisensituationen, die im Laufe der Geschichte aufgetreten sind Wir sehen, dass die Krise im Alten Testament aus der Institution des Königtums hervorging. Im Neuen Testament entsteht sie aus dem Glauben an einen jüdischen Messias, der alle zu einem universalen Volk machen will, und aus der Parusieverzögerung vor dem Hintergrund der Naherwartung in den christlichen Gemeinden (Nestor O. Míguez). Weiter könnten bestimmte Umbruchsituationen in der Geschichte des Christentums als Krisenzeiten gesehen werden, etwa die Kriege gegen den Islam, während deren Gewaltanwendung als ganz normales Mittel angesehen wurde und es zu Formen einer politischen Religion kam, die Macht- und Herrschaftsformen annahm (José Comblin). Auf der anderen Seite bemerken wir, wie in Krisenzeiten immer wieder heilige Männer und Frauen auftraten, die einen Weg aus der Krise wiesen (Elizabeth A. Johnson).
Die Überlegungen zum Krisenszenario in Teil IV vertiefen die Sicht aus der Perspektive Gottes (Jon Sobrino). Das letzte Wort ist ein Wort der Hoffnung: Es sind Geschichten der Rettung, in denen Gottes Heilswille sich als ungebrochen präsent erweist (Javier Vitoria Cormenzana). Pedro Casaldáligas Beitrag beschließt dann die Überlegungen des Heftes: Krise heißt Pascha, Übergang von der Desillusion des Augenblicks zu einem Zukunftsentwurf voller Hoffnung.
Das chinesische Schriftzeichen für Krise, so wird uns gesagt, ist zusammengesetzt aus den Schriftzeichen für Gefahr und für Chance. Wir Christen beziehen, um die Krise zu bewältigen, unsere Inspiration aus den Schriften und der Geschichte, und so gestärkt machen wir uns auf den Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft. Es kommt darauf an, die Krise von Hoffnung getragen durchzustehen.
Dieses Heft von CONCILIUM versteht sich als Einladung, einen kurzsichtigen Pragmatismus zu überwinden und auf eine unbekannte Zukunft zuzugehen, in der sich die Menschen von der Hoffnung her definieren. Eine Überwindung der Krise, von der Kirche und Christentum befallen sind, sollte theologisch von einem Christentum ausgehen, sich inspirieren und leiten lassen, in dessen historischem Herzen die Krise bereits angelegt ist und von dem her sie ausgelöst wurde: von der Selbstentäußerung Gottes in seiner Begegnung mit der Menschheit. Steckt nicht im Geheimnis des Pascha das Geheimnis einer Krisenerfahrung und zugleich das Potential, sie durch überströmende Hoffnung zu überwinden?
Die Herausgeber danken Marcella Althaus-Reid, Christophe Boureux, Felisa Elizondo, Claude Geffré, Rosino Gibellini, Alberto Melloni und David Power für ihre Unterstützung und Ratschläge bei der Vorbereitung dieses Hefts.
Aus dem Englischen übersetzt von Franz Schmalz