Concilium 2005 / 2
Zu diesem Heft
Christophe Boureux, Janet Martin Soskice und Luiz Carlos Susin
Hunger ist Auslöser der ersten und elementarsten Regung aller Lebewesen und, so Emmanuel Levinas, der erste Impuls des Menschen in seinem Streben nach Glück dem Genuss von Nahrung. Der Hunger eines Säuglings entwirft uns ein Profil des Begehrens und ist zugleich Begehren in seiner ursprünglichen und unverfälschten Form. Der Hunger des Säuglings bezeugt auch die noch ungefestigte Abhängigkeit jedes lebenden Wesens von einem anderen, das seinerseits auf Nahrung angewiesen ist und sie suchen und empfangen muss. So ist Hunger Ausdruck einer Beziehung, die Grundlage und Metapher für alle weiteren Beziehungen wird, einschließlich der des Menschen als Geschöpf zum Schöpfer und Spender des Brotes.
Brot, die biblische Umschreibung für "Nahrung", ist zugleich die materiellste, körperlichste und spirituellste Angelegenheit christlicher Spiritualität. So begegnet uns die Eucharistie, das Geheimnis des Glaubens, unter der Gestalt des Brotes. Und daher ist dieses Sakrament auch Zeichen unserer sozialen Verwiesenheit, Zeichen des Suchens nach und des Empfangens von Brot wie der Mund des Säuglings und die Brust der Mutter , aber auch Zeichen der ursprünglichsten Formen von Gerechtigkeit und schenkender Anteilgabe.
Zu viel Hunger, zu viele Münder und nicht genügend Brot: Diese Situation enthüllt die bedrohliche Nähe des Todes. Es ist eine Tatsache, dass in unserer Welt viele die Qualen eines Hungers kennen, der nicht gestillt werden kann. An dieser Stelle tut sich ein Raum auf für die Eucharistie als den "Ort", wo Hunger, Verlangen und das Brot, das von Gott kommt, gefeiert werden, freilich nur dann, wenn die Eucharistie selbst zum Kampf um Gerechtigkeit gehört. All das bedeutet, dass in unserer Welt, derselben Welt, in der auch Jesus lebte, in der sich das Brot jedoch nicht vermehrt, wohl aber der Hunger, Eucharistie und Gerechtigkeit zusammengehören.
Hunger ist nicht nur Hunger nach Brot. Augustinus sagt in seinen Bekenntnissen über die Mailänder Erfahrung vor seiner endgültigen Bekehrung: "Es war, als hörte ich deine Stimme aus der Höhe: ,Ich bin die Speise der Starken; wachse und iss dann von mir! Aber du wirst mich nicht wie eine leibliche Speise in dich verwandeln, sondern du wirst in mich verwandelt werden.'" (Confessiones VII, 10.16)1 Das ist die Hoffnung der Christen, doch diese Hoffnung, spirituell genährt und von Gott geliebt zu werden, kann nicht, wie Augustinus wiederholt ausführt, von der Nächsten- und recht verstandenen Selbstliebe losgelöst werden.
Von den frühesten christlichen Schriften an war es stets möglich, ausschließlich den spirituellen Hunger auf Kosten der tatsächlich Armen in den Mittelpunkt zu stellen und umgekehrt. Die besten Überlegungen christlicher Denker haben beides zusammengehalten, was auch wir hier in dieser Sammlung von Beiträgen versucht haben, in denen soziales und politisches Handeln, biblische Interpretation, Theologiegeschichte, Philosophie, Spiritualität und Seelsorge angesprochen werden. Wir hoffen, dass unsere Leser und Leserinnen daraus Nahrung für ihr Leben gewinnen werden.
Wir danken Richard Cote, Virgil Elizondo, Anne Fortin, Rosino Gibellini, Michel de Goedt, Ottmar John, Maureen Junker-Kenny, Armidio Rizzi, Christoph Theobald, Andrés Torres Queiruga und Marie-Theres Wacker für wertvolle Hinweise und Hilfen bei der Vorbereitung dieses Hefts.
1 Augustinus, Bekenntnisse, übersetzt und herausgegeben von Kurt Flasch und Burkhard Mojsisch, Stuttgart 1989, 185.
Aus dem Englischen übersetzt von Franz Schmalz