Concilium 2005 / 1

Cyber Space – Cyber Ethics – Cyber Theology

Zu diesem Heft

Erik Borgman, Stephan van Erp und Hille Haker

Die Informationstechnologien dominieren die Kommunikationsmöglichkeiten in einer global gewordenen Welt, setzen mit ihren Strukturen aber auch Grenzen. "Cyber Space" steht für einen Raum, in dem Menschen sich bewegen und begegnen können und der auch durch die soziale Kommunikation und politische Willensbildung geformt wird; aber die Arten der Information, Kommunikation und Entscheidungsprozesse sind durch die spezifischen Bedingungen des Internets vorgegeben. Um diese Bedingungen in ihren Möglichkeiten und Grenzen deutlicher sehen zu können, benötigen wir Analysen, von denen wir hier einige vorstellen.

In diesem Heft versuchen wir darüber hinaus, einige Schritte in die Richtung einer Informationsethik sowie einer Theologie zu gehen, welche sich neu im Informationszeitalter situieren muss, gleichzeitig aber die spezifisch religiösen Erfahrungen nicht von Kommunikationstechniken abhängig machen darf. Wir hoffen, damit eine Diskussion innerhalb der Theologie anzustoßen, die unseres Erachtens bisher einer systematischen Auseinandersetzung harrt.

Wir haben Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Disziplinen gebeten, Aspekte zu analysieren, die sie für relevant erachten, wenn es um die Auseinandersetzung mit der Informationstechnologie geht. Die Beiträge sind disparat, wie es das Thema nicht anders erwarten lässt, aber sie sind doch alle von einem "Staunen" über die Radikalität der Veränderungen durchzogen, das wohl mit vielen neuen Technologien, welche weitreichende gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen, einhergeht.

Im ersten Teil – "Eine neue Ethik?" – stellen wir die Frage, welche ethischen Dimensionen durch das Informationszeitalter betroffen sind und wo wir in den nächsten Jahren weiterdenken sollten.

Ottmar John fragt ganz grundlegend, ob und inwiefern es eine eigene "Cyber-Ethik" geben muss oder kann, wie wir es voraussetzen. Als eine unter anderen Bereichsethiken kann die Cyber-Ethik, so meint er, nicht angemessen entworfen werden – zu radikal ist der Wandel der Kommunikation durch die Informationstechnologie, und zu "universal" ihr Geltungsanspruch. Im Hinblick auf die traditionelle Medienethik erscheint das "Netz" nicht nach dem Muster der instrumentellen und austauschbaren Zeichensysteme zu funktionieren, sondern konstituiert zunehmend alle Formen von gesellschaftlicher Kommunikation. Diese [2] Abhängigkeit der modernen Gesellschaften lässt Zweifel daran aufkommen, dass die Trennung von Internet und Gesellschaft aufrechterhalten werden kann. Ist dies aber so, dann stellt sich das Problem der Normenbegründung im und für das Netz viel grundlegender, als dies womöglich bisher gesehen wurde. Johns Beispiel der Gewaltdarstellung bzw. -realisierung im Netz macht dies deutlich: Selbst wenn unmittelbar negative Auswirkungen auf die Zuschauer nicht nachgewiesen werden können, zeigt dies dann die ethische Neutralität der Gewaltdarstellung? Wie aber lassen sich Normen finden, die der Überkreuzung von Fiktion und Realität angemessen Rechnung tragen? Nicht zuletzt ist die Netzwelt auch ein Problem für die Subjektivität und Identität des Moralsubjekts, auf die John abschließend eingeht.

Peter Ferdinand lenkt die Aufmerksamkeit auf die Frage der Macht, die in jeder sozialen und politischen Sphäre zum Tragen kommt. Das Internet ist zunächst als Medium und Technologie der "Selbst-Ermächtigung" (empowering) von Einzelpersonen im Hinblick auf die persönliche Kommunikation und Information gesehen worden, in politischer Hinsicht aber ebenso als Stärkung der Bürger und Bürgerinnen in den Entscheidungsprozessen von Demokratien. Ferdinand zeigt an verschiedenen Beispielen auf, wie das Internet in der Tat politische Wahlkampagnen und die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen verändert hat, warnt zugleich aber davor, die Transformationskraft zu überschätzen. Vielmehr, so seine Einschätzung, wird das Internet eine ergänzende Funktion zu herkömmlichen demokratischen Prozessen übernehmen; es wird Machtverhältnisse unter-brechen bzw. stören können, ist aber heute noch zu unausgereift, um politische Prozesse umfassend verändern zu können.

Rafael Capurro sieht das Verhältnis von Digitalität und Leiblichkeit als zentrale Fragestellung der Cyberwelt an, insofern mit dieser das "metaphysische Begehren" nach Transzendenz von Raum und Zeit geschürt wird. Er erwartet ebenso dramatische Veränderungen durch die Informationstechnologien wie durch Massenmedien des 20. Jahrhunderts, und gibt einen guten Überblick über den Stand der Informationsethik sowie die Initiativen auf der Ebene der Vereinten Nationen. Der zweite Teil des Heftes – "Virtuelle Realität und ,reale Welt"‘ – ist der Frage nach dem Verhältnis von Cyberwirklichkeit und anderen Formen sozialer Realität gewidmet, wobei explizit auch die Frage, ob diese zwei Bereiche überhaupt noch unterscheidbar sind, gestellt wird.

Johannes Frühbauer zeigt an den narrativ-apokalyptischen Fiktionen des Cyberkrieges die neuen Dimensionen der Phantasie und vergleicht sie, auf Unterschiede sowie Überschneidungen achtend, mit der Rolle der Informationstechnologie in den realen Kriegen. In Bezug auf Letztere beschreibt Frühbauer drei Formen des CyberWars, den er als "Krieg vor dem Krieg, neben dem Krieg und im Krieg" beschreibt: die Bemühung um die Überlegenheit über die Information selbst, den Angriff auf die informationelle Infrastruktur des Gegners etwa über gezielte Sabotageakte und drittens die Entgrenzung des Krieges, der mithin keinen Unterschied zwischen zivilen und militärischen Zielen kennt. Eine genaue Analyse der gegenwärtig geführten Kriege – auch der Formen des "Krieges vor dem Krieg" – [3] muss auf diese hier nur skizzierten systematischen Überlegungen aufgebaut werden. Bezieht sich der CyberWar demnach vor allem auf die regierungsabhängige Kriegsführung, so schließt der Begriff des NetWars explizit die zivilgesellschaftlichen Gruppen ein. Da aber beide Handlungsfelder auf die Überschneidung von Netz und nichtdigitaler Realität abzielen, scheint eine klare Trennung der Bereiche kaum möglich oder auch nur sinnvoll. Die bisherigen Anstrengungen, die neuen Möglichkeiten der Informationstechnologien für die Friedens- und Konfliktforschung zu nutzen bzw. ihnen angemessene Aufmerksamkeit zu zollen, beurteilt Frühbauer abschließend eher kritisch; er zeigt in einigen Stichworten auf, wie die "Cyber-Ethik" im Sinne der Friedensforschung ausgearbeitet werden muss, ohne dass Fiktion und Realität miteinander vertauscht werden; er zeigt aber auch die Gefahren der Tendenz auf, die durch die Verschiebung der Blickrichtung von der Friedensforschung zur individuellen Kriminalität im Netz entstehen kann. Die drastischen Beispiele der Kriegsführung in Kombination von Massenmedien und Netz zeigen, wie notwendig die Beschäftigung mit dieser Nutzung der Informationstechnologie ist.

Veronika Schlör zeigt, inwiefern feministische bzw. geschlechtertheoretische Überlegungen die konstituierenden Faktoren der Cyborgs zu analysieren vermögen. Die Analyse beginnt schon bei der Metapher des Cyborgs, zieht sich durch die Projektionen von Weiblichkeit im Netz, die als "Kopfgeburt des Mannes" erscheinen, und begreift auch die "digitale Spaltung" als eine Spaltung, die sich auf Frauen doppelt negativ auswirkt. Dort jedoch, wo Frauen Zugang zum Netz haben, so Schlör, zeigen sie sich selbstbewusst, offensiv in der Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlechterrollen und Geschlechterdifferenz. Dies trifft unter anderem auch auf die "subversive" Verwendung der Metapher des Cyborg durch Donna Haraway zu, die darin gerade die Überwindung auf Körperfixierungen sieht, was von vielen Nutzerinnen in Bezug auf das Spiel mit Geschlechteridentitäten umgesetzt wird. Auf der anderen Seite wird die Leiblichkeit zu einem neuen Problem, welche von einem kritischen Feminismus aufgegriffen wird bzw. werden muss.

Gary Bunt zeigt, inwiefern "der" Islam sich in den verschiedenen Formen im Netz darstellt und durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen befördert. Zum einen ermöglicht das Internet Kommunikationsformen, die auf die religiöse wie auch religionsspezifische Interpretation bezogen sind und einen Demokratisierungseffekt haben, wie Peter Ferdinand ihn zeigte, zum anderen entstehen aber neue - auch staatlich kontrollierte - Autoritäten, welche sowohl die religiöse als auch die gesellschaftspolitische Präsenz des Bildes vom Islam prägen. Aufschlussreich ist auch die spezifische Identitätsbildung, die Bunt als Bestandteil insbesondere der Dschihad-Plattformen aufzeigt. Nur auf diese Netzpräsenz zu starren und die anderen "Mosaiksteine" zu ignorieren würde, so Bunt, kaum der Vielfalt der Netzpräsenz in verschiedenen Staaten und Gesellschaften gerecht.

Der dritte Teil stellt explizit die Frage nach den religiösen Symbolen im Internet bzw. dem Internet als religiösem Symbol.

Stef Aupers und Dick Houtman beschreiben die neue Spiritualität, die im und [4] durch das Internet zum Ausdruck kommt. Die Sehnsucht nach Überwindung der als zerrissen erfahrenen Existenz, die Entgrenzungserfahrung sowie der gnostische Dualismus, der in Online-Spielen abgerufen wird, mögen im Hintergrund wirksam sein, unübersehbar ist jedenfalls, dass die Cyberwelt auf die spirituellen Bedürfnisse reagiert. Ob die neuen Formen der "Selbst-Sakralisierung" Bestand haben werden, wie auf sie theologisch zu reagieren ist, ist bisher kaum Gegenstand systematischer Untersuchungen in der Theologie. Ohne Zweifel wäre es aber falsch, so die beiden Autoren, Spiritualität und das Netz als sich gegenseitig ausschließende Erfahrungsräume zu betrachten. Vielmehr müssen heutige Vorstellungen und Imaginationen des "Heiligen" erneut in den Blick genommen werden und dabei die Beziehung zwischen Modernität, digitaler Technologie und Religion kritisch reflektiert werden.

Nathan D. Mitchell sieht vor allem die Radikalität der Veränderung im Verhältnis zu Gott und Transzendenz als Herausforderung. Er zeigt die Schattenseite des "hyperlink", mit dessen Hilfe verschiedene Ebenen der "Realität" binnen Sekunden geschaffen oder aber auch gelöscht werden können. Die Lektüre der Bibel, durch das Netz vermittelt, könnte nach Mitchell leicht in den Sog der privatisierten, individualisierten und unpersönlichen Beziehung geraten – in direktem Widerspruch zur traditionellen sozialen Erfahrung Gottes in der Gemeinschaft. Andererseits macht Mitchell aber auch auf andere historische Wendepunkte in der Art und Weise des Umgangs mit der religiösen Erfahrung aufmerksam, nicht zuletzt auf die Erfindung des Buchdrucks, der das Konzil in Trient in seinen liturgischen Reformen anstieß. Wie aber kann die Theologie heute mit den Veränderungen im Verhältnis zur Macht bzw. Autorität umgehen? Wie mit dem veränderten Verständnis von Gemeinschaft? Was bedeutet dies für das Konzept der Öffentlichkeit und Privatheit? Kann der Zugang zu Information im Informationszeitalter noch kontrolliert werden? Und können die spezifischen religiösen Formen der Gemeinschaft aufrecht erhalten werden? Diesen Fragen geht Mitchell nach und zeigt damit, dass es keine Veranlassung gibt, die Cyberwelt nicht auch von Seiten der Theologie ernst zu nehmen.

Marcella Maria Althaus-Reid interpretiert die Träume einiger Menschen in Argentinien, deren Träume mit Hilfe des Künstlers Matthijs de Bruijne ins Netz gestellt wurden: Träume armer Menschen, Ausgeschlossener vom Fortschritt der Informationsgesellschaft, Lumpensammler und Menschen, deren Sexualität sie marginalisiert, deren Sprache und Wirklichkeit aber zugleich in einer Art subversivem Archiv präsent gehalten werden und von Althaus-Reid als theologisches "Archiv der Armen" bezeichnet werden. Auf den (exemplarischen) argentinischen Websites werden die Stimmen der Menschen, werden ihre Träume und ihre Religiosität hörbar, wird aber zugleich auch eine neue Form der Gottesbegegnung und Theologie erfahrbar, welche in der Tat gehört werden muss. Nur durch die Anerkennung der Komplizenschaft der Theologie mit den vorherrschenden Konzepten von Armut, Sexualität bzw. Zweigeschlechtlichkeit und dem Verhältnis von Familienordnung und ökonomischer Ordnung ließen sich neue Wege für die Theologie der Befreiung aufzeigen, welche nicht vor der sexuellen Ordnung Halt machte.

[5] In abschließenden Bemerkungen denken Erik Borgman und Stephan van Erp darüber nach, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, die in neuartiger Weise durch das Internet vermittelt wird. Indem sie Marshall McLuhans Wort "The medium is the message" variieren, fragen sie sich, worin genau die Botschaft des Mediums Internet besteht und bestehen sollte. Sie sorgen sich um die Humanisierung der Welt angesichts einer Wüste voller Werkzeuge ohne Zweckbestimmung und voller Mittel ohne Ziele. Zugleich konfrontiert uns das Internet – im Gegensatz zu anderen Medien – mit der Vorstellung, es sei kein Mittel zum Heil, sondern selbst die Gestalt, die das Heil annimmt. Dementsprechend müsste, so die Autoren, eine Ethik mediengestützter Verbundenheit entwickelt werden. Anstatt sich nur mit spezifisch ethischen Angelegenheiten (wie etwa der Vermittlung zwischen realer und virtueller Welt oder des Umgangs mit Informations- und Kommunikationspartnern) zu befassen, müsste eine solche Ethik die grundlegenden Möglichkeiten und Grenzen des Vernetztseins diskutieren: Was heißt es, entweder in ein globales Kommunikationsnetz eingebunden oder vom Internet ausgeschlossen zu sein und keinen Zugang zur wechselseitigen Vernetzung zu haben, von der die menschliche Existenz in zunehmendem Maße abhängt? Wie Borgman und van Erp zeigen, könnte die Stadt eine gute Metapher für eine solche fundamentale Ethik sein, weist sie doch auf die Notwendigkeit einer in neuer Weise leiblichen Existenz im World Wide Web hin, auf das Zusammentreffen digitaler Nachbarschaften und auf die Herausforderung, in dieser entfremdenden und manchmal heimtückischen Umgebung authentische Wege der Präsenz und Empfänglichkeit gegenüber den Nöten anderer zu finden. Eine religiöse Haltung gegenüber dem Internet besteht daher nicht darin, es als Medium für religiöse Botschaften zu benutzen oder das Internet selbst als religiöse Offenbarung zu betrachten. Vielmehr sollte es darum gehen, in diesem Medium "Wohnung" zu finden, um zu sehen, zu hören und zur Sprache zu bringen, was dort wirklich geschieht.

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