Concilium 2004 / 5

Utopie: Eine andere Welt ist möglich

Zu diesem Heft

Diese Welt kann eine andere sein

Luiz Carlos Susin

"Eine andere Welt ist möglich!" — So hallte es bei Sonnenuntergang pathetisch aus den Lautsprechern von der Bühne her auf die Rasenfläche nahe dem reißenden Guaíba-Fluss, wo sich die Menschenmenge versammelt hatte. Mit dieser Feststellung — "Eine andere Welt ist möglich" — wurde das zweite Treffen des Weltsozialforums im Jahr 2002 in Porto Alegre, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Rio Grande do Sul mit ca. 1,4 Mio. Einwohnern, eröffnet. Und so wurde bei dieser an Inszenierungen und Symbolen reichen feierlichen Eröffnung der Slogan geboren, der die folgenden Weltsozialforen auf einen utopischen Horizont hin orientieren sollte. Diese Utopie war imstande, jedes Mal Tausende Menschen mehr aus allen Kontinenten, aus Hunderten von verschiedenen sozialen Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen zu einer großen Bewegung auf eine zukünftige Welt hin zusammenzuführen. Der Slogan "Eine andere Welt ist möglich" ist noch kein Motto, das eine klare Marschordnung vorgibt, er legt keine bestimmte Aktion und kein bestimmtes Engagement fest, er zeigt einfach einen Horizont auf und verweist auf eine Zeit, die von viel Hoffnung und eschatologischer Orientierung geprägt ist.

"Doch keine andere Welt im Jenseits. Eine andere Welt ist hier, auf diesem Planeten Erde, möglich" — so betonte es ein Redner nach dem anderen vor der Menschenmenge. Was würden Popper, Marcuse oder die Kritiker der Ideologien der Moderne zu solchen Behauptungen sagen? Und was würden wohl Thomas Morus und die Missionare empfinden, die mit ihren Schiffen in Richtung Neue Welt unterwegs waren, um dort eine neue Christenheit zu begründen? Gewiss ist jedenfalls, dass jeder in der Menge, der mit der Theologie vertraut war, sich die Frage stellen musste, ob dies hier eine millenaristische, messianische Utopie sei. Mit den millenaristischen Träumen waren zwei große Probleme verbunden: das messianische Subjekt und die Methode. Wer wäre jetzt der Gesalbte, der das glückliche Zeitalter dieser anderen Welt einleiten könnte? Und was ist zu tun? Und wie muss man es anpacken? Hat die Kirche, "das universale Sakrament des Heils" (Lumen gentium, 1), noch irgendetwas damit zu tun? An jenem Sommerabend gab es viele Menschen auf dem Gelände, die aus verschiedenen Kirchen kamen, auch Bischöfe, doch sie gingen einfach in dieser Massenbewegung auf. Können die Religionen mit ihrem Potential an Glaubensinhalten, an Zukunftsträumen und an ethischer Orientierung in einer noch stärker globalisierten und [502] kleiner gewordenen Welt eine verändernde Rolle spielen? Im bunten Bild, das die Menschenmenge an Flussufer bot, konnte man die Kleidung unterschiedlicher religiöser Traditionen inmitten der Leichtigkeit und spontanen Vielfalt der Sommerbekleidung entdecken. Jung und Alt waren hier versammelt, mit unterschiedlichen Meinungen zur Religion oder zu Ausdrucksformen anderer weltanschaulicher Optionen, aber alle gemeinsam auf diesem Gelände waren bereit, die Unterschiede zu akzeptieren und sie in den gemeinsamen Traum einer "möglichen anderen Welt" mit aufzunehmen.

Die Vielfalt von Menschen und Bewegungen ist also von einem kraftvollen kulturellen und religiösen Pluralismus geprägt, der in die große Bewegung für eine andere Welt — genauer gesagt dafür, dass diese Welt eine andere, anders, qualitativ anders wird — mündet. Geht es um einen pluralistischen Millenarismus, einen kollektiven Messianismus, der aus dem Zusammenströmen sozialer Bewegungen, Organisationen und menschlichen Energien entsteht, die sich einer gemeinsamen Aufgabe zur Verfügung stellen? Geht es um ein Engagement für eine Welt, die in einen demokratischen und pluralistischen Sozialismus mündet, der sowohl das Übel des kapitalistischen Liberalismus als auch des diktatorischen, mit Recht gescheiterten Sozialismus überwindet? Auch angesichts des überaus schönen utopischen und millenaristischen Horizontes, der noch sehr offen und allzu allgemein gehalten ist, ist die Frage am Platz: Ist eine andere Welt möglich?1

Wir haben viele Fragen und noch keine einzige Antwort gefunden. Wir haben gelernt, dass "Bewegungen" den Lauf der Geschichte ausmachen, dass sie aber zwangsläufig nicht von Dauer sind. So muss es auch sein. Wenn ihre Aufgabe erfüllt ist, lösen sie sich von selbst auf. Ihre Institutionalisierung ist ihr vorweggenommener Tod, die Kreuzigung des Messias. Vielleicht war genau dies der Weg der kirchlichen Basisgemeinden in Lateinamerika, die eine Mischung von Bewegung und kirchlicher Organisation darstellten. Am Ende wird die Organisation gestärkt und die Bewegung stirbt ab. Im Weltsozialforum wurde ebenfalls bereits die Gefahr deutlich, dass die Nichtregierungsorganisationen die sozialen Bewegungen — sie stellen das Auge des Forums und seine Energie dar, die seine Existenz erst ermöglicht und den Slogan von einer möglichen anderen Welt erst plausibel macht — absorbieren und abtöten.2

Die Analysen des Verhältnisses zwischen Bewegung und Institution weisen oftmals in entgegengesetzte Richtung: Gerade deshalb, weil die Intuition, die Bewegung und die Mystik vorübergehende Erscheinungen sind, ist es notwendig, sie mit Hilfe von Organisation und Institutionalisierung zu unterstützen. Die Ehe ist die Stabilisierung und der Schutz der Liebe. Doch es besteht auch die Gefahr, dass sie zum Grab der Liebe wird. Wie kann es der Institution gelingen, die anfängliche Intuition und Liebe dauerhaft in Bewegung zu halten? Kirchen und Religionen sind Institutionen, tönerne Gefäße, die der kostbaren Flüssigkeit der Mystik, des Messianismus und der Spiritualität, die die Welt verändern kann, dienen, sie aber zugleich festhalten. Wenn man sie ihrem eigenen Trägheitsmoment überlässt, dann kreuzigen die Kirchen und Religionen die messianischen Energien und begraben sie unter ihrem eigenen Gewicht. In ihnen aber fließt in [503] mächtiger Bewegung der Strom der Spiritualität — ein Strom, der häufig durch die Ritzen und Ränder nach außen dringt —, der der Welt zu Hilfe kommen, die soziale Bewegung beleben und ihr eine unerhörte Mystik, eine grenzenlose Hingabe bis hin zum Martyrium einhauchen kann. Eines der größten Anliegen für die Befreiungstheologie, die mit dem Dokument der Zweiten Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellin 1968 ("Die Kirche in der gegenwärtigen Umwandlung Lateinamerikas ...") ihre offizielle Anerkennung erfahren hat, ist es, dass der lebendige Glaube und die religiöse Praxis nicht notwendigerweise entfremdend oder konservativ sind, sondern dass sie auch revolutionär und verändernd sein können und so die Möglichkeit dafür eröffnen, dass eine andere Welt Wirklichkeit werden kann.

Welche andere Welt ist möglich? Wir alle wollen — und letztlich wollen wir das immer — Frieden und Gerechtigkeit, Ruhe und Wohlstand, und zwar für alle. Heute aber müssen sich diese messianischen Verheißungen an der Nachhaltigkeit, an den wirtschaftlichen, politischen, technischen und wissenschaftlichen Ressourcen in einer globalisierten Welt bewähren, die paradoxerweise im Maße ihres eigenen Fortschritts mehr und mehr an die eigenen Grenzen stößt. Mit anderen Worten: Damit diese Welt nachhaltig wird, muss sie eine "andere" werden. In erster Linie geht es um Nachhaltigkeit in ökologischem und ethischem Sinne zugleich, vor allem um eine Ethik des friedlichen und wohnlichen Zusammenlebens und folglich auch um Pluralismus und Gerechtigkeit. Verfügen die Religion, die Spiritualität und die Theologie über Ressourcen, um die ökologische und ethische Nachhaltigkeit dieser Welt zu fördern und ihr zu helfen, eine andere zu werden? Von der Antwort auf diese Frage hängt es möglicherweise ab, ob die Religionen und Kirchen überhaupt von Relevanz sind. Wenn die Theologie kein bedeutendes Wort zu dieser Nachhaltigkeit zu sagen hat, sollte sie besser still sein. Es wäre beschämend, sich selbst zu verteidigen und sich von vornherein als relevant hinstellen zu wollen. Das Weltsozialforum kann mit seinem utopischen Horizont und seiner Vielfalt von Bewegungen eine breite und geeignete Basis sein, um zu urteilen und für eine Theologie einzutreten, die dazu beiträgt, eine ökologisch nachhaltige Welt in Frieden und Gerechtigkeit für alle zu fördern. Könnte denn Gott letztlich etwas anderes für unsere Welt wollen?

Im Geist des Weltsozialforums und seines Slogans — "Eine andere Welt ist möglich" — wird im Januar 2005 am Vorabend des fünften Treffens des Forums ebenfalls in Porto Alegre ein Weltforum der Theologie der Befreiung stattfinden.3 Ziel ist es dabei, Theologinnen und Theologen aus der christlichen Tradition im ökumenischen Sinne aus allen Kontinenten miteinander ins Gespräch zu bringen, die Theologie im Kontext von Initiativen, Bewegungen und Organisationen für Gerechtigkeit, für Frieden und für Freiheit der Söhne und Töchter Gottes (darin sind alle Geschöpfe der Erde mit eingeschlossen) betreiben. Der Auftrag der Evangelisierung verbindet sich mit dem Slogan des Weltsozialforums und wird auch für die Theologie zum Imperativ: Diese Welt kann und muss eine andere werden. Die christliche Theologie kann nicht in zynischer Haltung verharren und sich darauf hinausreden, dass sie niemand zur Mitarbeit eingeladen hat. Sie kann [504] sich nicht um ihre eigenen innerkirchlichen Angelegenheiten kümmern, sich in den Sorgen um ihr eigenes Terrain, ihren Binnenraum und dessen Regeln verzehren, sich mit ihrer eigenen Identität und Selbstrechtfertigung beschäftigen und sich gleichzeitig heraushalten aus der Deutungsarbeit und der Feier der Hoffnung auf eine andere Welt. Sie hat die Frohe Botschaft vernommen, sie wird dazu gedrängt, ihren Beitrag fernab von allem Opportunismus zu leisten, aber auch ohne einer Sache abzuschwören, die ihr von Anfang an vertraut ist: dem messianischen Traum vom nahe kommenden Reich Gottes. Denn: "Der Löwe hat gebrüllt — wer sollte da nicht erschrecken? Jahwe hat gesprochen — wer sollte da nicht prophetisch reden?" (Am 3,8)

Diese Ausgabe von CONCILIUM stellt eine Annäherung an den Horizont und den Strom der sozialen Bewegungen dar. Sie nimmt die Mühe auf sich, über die Gründe für einen so lauten Ruf nach einer anderen Welt nachzudenken. Dieses Nachdenken vollzieht sich natürlich nicht isoliert, sondern im interdisziplinären Gespräch. Im ersten Teil greift dieses Heft von CONCILIUM auf die Zusammenarbeit mit Fachleuten auf den Gebieten Soziologie und Philosophie zurück, um sich der Herausforderung einer "anderen Welt" von drei Blickwinkeln her zu nähern: Da sind zunächst die Sackgassen und der nicht nachhaltige, unbeirrt falsche Kurs, den wichtige, heute vorherrschende Aspekte der Wirtschaft, der Politik und der Ideologie eingeschlagen haben; andererseits gibt es skizzenhafte Vorstellungen, Hinweise und eine praktische Einübung in eine andere mögliche Welt bei sozialen Bewegungen und deren lebbaren Alternativen; und schließlich gibt es das, was die Theologie am direktesten, aber auch äußerst fordernd mit einbezieht: die Möglichkeit von Utopien, deren Rolle und Stellenwert im Engagement für die Veränderung dieser Welt.

CONCILIUM hat in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrere Themenhefte der Reflexion über die Probleme und Möglichkeiten, die Leiden und Opfer, die Gefahren und Hoffnungen gewidmet, die die Wirtschaft, die politische Macht, die Kulturen und die Religionen inmitten einer wachsenden Globalisierung durch-dringen. Auch das Schicksal der Utopie nach dem Ende der Ideologien wurde von CONCILIUM bereits reflektiert. Oder müssten wir das Thema vielleicht mit einem anderen, radikaleren Fokus angehen, in der Art, wie sie der unvergessliche Theologe Juan Luis Ruiz de la Pena formuliert hat? Er meinte, dies sei heute die Zeit des Todes der Utopien und neuer Möglichkeiten, der Wiedergeburt, der Eschatologie. Wie soll man unterscheiden, ohne zu trennen? Wie vereinen, ohne durcheinander zu werfen? Stehen wir nicht vor neuen Paradoxien, was das Verhältnis von Natur und Übernatur, Gnade und Werke etc. angeht? Wir können jedenfalls keineswegs behaupten, dass unser Nachdenken über Utopie und Eschatologie für diese Welt wirklich erschöpfend ist, doch das entbindet uns nicht von der Pflicht, das Thema noch einmal zu durchdenken. Oder zu träumen und unsere Hoffnung zu bezeugen, wie der Dichter Oscar Campana, den der wunderbare Bischof und Poet Pedro Casaldáliga zitiert hat, als er — bei der Entgegennahme des Titels Doctor honoris causa, den er in Doctor passionis causa abwandelte — seine Leidenschaft für das Utopische eingestand:

[505] "Wenn es keinen Weg gibt, der uns trägt,
dann werden unsere Hände sich den Weg bahnen,
und es wird Platz geben für die Kinder,
für das Leben und für die Wahrheit;
und dieser Platz wird allen gehören,
in Gerechtigkeit und in Freiheit.
Wenn sich jemand ein Herz fasst, soll er sich melden:
Dann sind wir schon zwei für den Anfang ..."

Im zweiten Teil des Heftes werden wir es machen wie die schriftgelehrten Männer und Frauen, die aus ihren Schätzen Altes und Neues hervorholen. Die Autoren wenden sich darin den religiösen Traditionen zu, wobei der Hauptakzent auf der biblischen und christlichen Tradition liegt. Es geht darum, dass die religiöse Praxis eine andere werde, dass sie vom Anderen ihren Ausgang nimmt, von den anderen Geschöpfen und von der zärtlichen Aufmerksamkeit und der Gerechtigkeit, die allem Anderen geschuldet sind. Es geht dabei ganz und gar nicht um eine Apologie der Religionen, sondern vielmehr darum, wie die religiösen Traditionen mit ihrer Ethik und ihrer Mystik, mit ihrer Theologie und Poesie, ihren Symbolen für das Göttliche, den Schöpfer und die Schöpfung für eine "andere" Welt eintreten und ihr eine tragfähige Grundlage verleihen können. Der dritte Teil ist eher wirklichkeitsnaher und praktischer Natur. Er beginnt mit der Bedeutung von minoritären religiösen Traditionen für die Nachhaltigkeit einer globalisierten Welt. Und es wird dann über den Beitrag der religiösen Traditionen zur politischen und gesellschaftlichen Nachhaltigkeit nachgedacht. Zum Schluss können wir Einblick in ein konkretes Fallbeispiel gewinnen: in die Möglichkeit eines Friedensprozesses im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern im Nahen Osten — ein schwieriger, aber immerhin möglicher Friede und einer der Testfälle der Menschheit für eine "andere mögliche Welt".

Unter der eschatologischen Verheißung eines Lebens in Fülle und angesichts eines utopischen Horizonts einer anderen möglichen Welt reiht sich CONCILIUM in den Strom der regionalen und weltweiten sozialen Bewegungen ein, die sich im Exodus befinden und auf einen Eis-odos, den Eintritt in eine andere Welt, hoffen — dies muss möglich sein. Doch wie alles, was zu Gottes Schöpfung zählt, hängt auch dies von den Entscheidungen und der Verantwortung der Menschen ab. Jon Sobrino beschließt diesen summarischen und interdisziplinären Versuch mit der Erinnerung an Ignacio Ellacuria, einen Märtyrer unserer Zeit, der uns mit Klarheit und in treuer Liebe das Zeugnis vermacht hat, dass die nicht realisierbare Utopie das inspirieren und befruchten kann, was für eine Welt in Gerechtigkeit und Frieden sehr wohl machbar ist.

Der Dank der Herausgeber für Hinweise und Hilfe bei der Vorbereitung dieser Ausgabe gilt Nedjeljko A. Anèiæ, Erik Borgman, Richard G. Cote, Luis Alberto De Boni, Virgilio Elizondo, Michel de Goedt, Thomas H. Groome, Ottmar John, Hubert Lepargneur, Norbert Mette, John Riches und Andrés Torres de Queiruga.

Notizen

1 Die Zeitschrift für theologische Analyse und Reflexion, Alternativas, die in Manâgua erscheint, reagierte in ihrer Ausgabe für das erste Halbjahr 2002 unmittelbar und stellte sie unter das Generalthema des Slogans des Weltsozialforums, aber in Frageform.

2 Das Weltsozialforum entstand tatsächlich als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum von Davos. Deshalb findet es zur selben Zeit statt. Doch es ist derart gewachsen, dass es die ursprünglichen Absichten weit übertrifft und überraschende Formen angenommen hat.

3 Weitere Informationenzum Weltforum der Theologie der Befreiung kann man auf folgender Web-Site bekommen: www.pucrs.br/pastoral/fmtl.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

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