Concilium 2004 / 4
Zu diesem Heft
Fragen zu einer Welt ohne Gerechtigkeit
Ellen van Wolde
Das Buch Ijob ist für seinen mutigen Helden bekannt, der unablässig mit Gott streitet, weil dieser ihn mit so vielen Unglücksfällen geschlagen hat. Was ist das für ein Gott, der es zulässt, dass gute Menschen so sehr leiden und schlechte Menschen ein bequemes Leben führen? Oder, anders gefragt: Was ist das für eine Welt, in der weder Ausgleich noch Gerechtigkeit zu finden sind? Warum hat Gott keinen Plan und keine Strategie entwickelt, um besser für seine Geschöpfe und ihr Verhalten zu sorgen?
Mit Fragen dieser Art konfrontiert Ijob seine Freunde und Gott, Fragen, die auch wir heute noch immer stellen. Vielleicht sind wir nicht so beharrlich wie er. Vielleicht haben wir auch schon längst resigniert oder Gott ganz aufgegeben. Wozu brauchen wir einen Gott, wenn er uns sowieso nicht hilft? Was hat uns eine Welt ohne einen gerechten Gott zu bieten, wenn nicht sich selbst, die Welt? Um auf diese Fragen eine Antwort zu erhalten, will Ijob mit Gott selber sprechen, denn seine Freunde können ihm nicht helfen. Und er geht sogar so weit, Gott im Rahmen einer Gerichtsverhandlung anzuklagen, in der Gott selbst der Verteidiger ist. Doch als Ijob Gott schließlich begegnet, geschieht dies nicht im Gerichtssaal, sondern im Wettersturm.
In seiner Sturmesrede bietet Gott eine eindrucksvolle Schilderung seiner Macht als Schöpfer und Lenker des Universums und der Lebewesen auf der Erde. Seine Schöpfung stellt sich nicht als ein im Anfang vollbrachter Akt dar, sondern scheint jeden Tag von neuem zu geschehen; jeden Morgen manifestiert sich im Kosmos ebenso wie auf der Erde eine unermessliche Vielfalt. Man betrachtet den Himmel und sieht alle Arten von Sternen und Konstellationen: Sonne, Mond, Planeten, Sternhaufen, die Milchstraße, sämtliche Sterne und Systeme in unendlichen Variationen. Man betrachtet die Erde und sieht die verschiedenen Tiere: den Löwen, den Raben, den Steinbock, den Wildesel, den Wildstier, den Strauß, das Pferd und den Adler, ein unendlich artenreiches und vielfältiges Tierleben. Die Rede Gottes thematisiert Artenreichtum, Vielfalt und Funktionalität im Leben und im Tod. Die menschliche Vorstellung von Ausgewogenheit oder Gleichgewicht, von einfacher Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit spielt hier keine Rolle. Und es wird auch nicht auf eine allgemeingültige Weisheit oder eine allgemeingültige Regel verwiesen, die dies alles erklären könnte.
Ijob ist überwältigt von diesem breit angelegten Bild. Aber erhält er auch eine [374] Antwort auf seine Fragen? Wird ihm nahe gelegt, dass Menschen wie er, die die Dinge nicht so überblicken, wie Gott es tut, überhaupt keine Fragen mehr stellen sollten? Oder wird indirekt gesagt, dass sie sich für eine strikte Trennung von Himmel und Erde entscheiden sollten? Sollten sie und wir nicht einstimmen in Psalm 115,16, wo es heißt: "Der Himmel ist der Himmel des Herrn, die Erde aber gab er den Menschen"? Ist das die Lösung, die das Buch Ijob uns anbietet? Wenn wir zu der Schlussfolgerung gebracht werden, dass Gottes Bereich einer vollkommen anderen Ordnung angehört als der menschliche Bereich, dann sind die Menschen selbst und allein für ihre Taten und für das, was auf der Erde geschieht, verantwortlich. Folglich können wir Gott für das, was auf Erden misslingt, keine Vorwürfe machen. Und wenn außerdem auf der Erde eine so grenzenlose Vielfalt und Verschiedenheit herrscht, dann sind wir nicht in der Lage, sie nach den Regeln unserer einfachen Gerechtigkeit zu ordnen. Fragen und Antworten dieser Art sind Gegenstand des vorliegenden Hefts von CONCILIUM.
Im ersten Teil werden die im Buch Ijob selbst eingenommenen Standpunkte untersucht: wie Gott am Anfang, in der Mitte und am Ende des Buches Ijob beschrieben wird und wie er sich zu Vergeltung und Gerechtigkeit verhält. Daraus ergibt sich eine Vielfalt von Gottesbildern: Ijobs Gottesbild und seine Ansichten, an denen sich eine gewisse Entwicklung festmachen lässt, die Gottesbilder seiner Freunde, ja sogar Satans und Gottes eigene Vorstellungen werden untersucht. Vielerlei wird im Buch Ijob und nun auch hier, in diesem Heft, über Gott ausgesagt. Im zweiten Teil geht es um die philosophischen, theologischen und ethischen Konsequenzen des oben Gesagten und der im Buch Ijob formulierten Probleme und Antworten. Die Artikel im dritten und letzten Teil befassen sich mit der Art und Weise, wie die moderne Welt mit Ijobs Fragen umgeht. Beginnend mit der Sichtweise des durch die neueste Verfilmung so bekannt gewordenen Tolkien-Romans Der Herr der Ringe wendet er sich sodann einigen Ijob-Fragen zu, die sich aus der gegenwärtigen Situation in Mittelamerika und Südafrika ergeben. Der erste und der letzte Artikel des vorliegenden Hefts schließlich weisen eine ,,inclusio"-Struktur auf, da der erste Beitrag das Problem von Vergeltung und Gerechtigkeit in Ijob 1-3 vom Text her und damit aus einer theoretischen Perspektive betrachtet, während der letzte Beitrag dieselben Aspekte von Ijob 1-3 im Kontext der von AIDS und HIV bestimmten Situation in Südafrika liest und diskutiert. Die wechselseitige Beziehung zwischen diesen und anderen Artikeln wird deutlich werden, sobald Sie zu lesen beginnen.
Aus dem Englischen übersetzt von Gabriele Stein