Concilium 2004 / 2

Europa neu denken

Zu diesem Heft

Janet Soskice und Alberto Melloni

In Europa, wo einige der ältesten Nationalstaaten der Welt entstanden, tritt eine neue politische Realität in Erscheinung. Das Trauma zweier Weltkriege und das hässliche Aufblühen des Völkermords in Ländern, die sich dafür rühmten, das Christentum auf der ganzen Welt verbreitet zu haben, brachten die Suche nach einer Neubewertung zuwege. Laut Hippolyte Simon, dem damals anwesenden Bischof von Clermont-Ferrand, war das Kohle-und-Stahl-Abkommen von 1951 — neben seinen greifbareren Aspekten - auch eine "spirituelle Geste", deren Bedeutung im "Nie wieder" lag: nie wieder Krieg, nie wieder Völkermord, nie wieder Brudermord. Christliche Politiker und Gewerkschafter gehörten zu den führen-den Architekten des neuen Bündnisses nach dem Krieg; zum Handeln motiviert hatte sie ihr christlicher Glaube.

Doch das Kohle-und-Stahl-Abkommen war ein relativ einfacher erster Schritt. Die Einsicht in die tiefe Unterschiedlichkeit der jeweiligen nationalen Vergangenheiten verlangte, dass dieses "Nie wieder" häufig wiederholt werden musste, wobei einige dieser "nie wieder"-Beteuerungen sich auch auf die Religionen und die Kirchen bezogen.

Die Europäer neigen derzeit zu einer gewissen Gleichgültigkeit, wenn es darum geht, ihren Glauben mit ihrer Politik zusammenzubringen. Es herrscht Verwirrung. Sollten christliche Bürgerinnen und Bürger Europas die neue Politik gutheißen? Sollten sie unermüdlich unterstützen, was bisher nur eine zerbrechliche Vereinbarung ist? Innerhalb der katholischen Kirche hat der Papst diesem neuen Unternehmen anhaltende Unterstützung gewährt, allerdings verbunden mit ganz eigenen Hoffnungen hinsichtlich des Resultats. Alle sind sich einig, dass die Europäer vor einem wichtigen Moment ihrer Geschichte stehen. Die Meinungen gehen allerdings auseinander, worauf dieses gemeinsame Abenteuer hinaus-laufen soll. Sollte man eine Art Vereinigter Staaten von Europa anstreben oder eher ein lockeres Konglomerat mit gemeinsamen wirtschafts-, sozial- und um-weltpolitischen Strategien? Unabhängig von den individuellen Präferenzen in dieser Frage ist die europäische Union aber bereits eine Realität, die das Leben aller Menschen, die innerhalb ihrer Grenzen leben, beeinflusst und darüber hin-aus das Potential hat, sich auch auf das Leben vieler Menschen außerhalb auszuwirken. Verschwunden sind der Franc, die Mark und die Drachme — der Euro hat einige der ältesten im Umlauf befindlichen Währungen ersetzt. Ein [120] Europäisches Parlament tagt neben den nationalen Parlamenten der einzelnen Länder. Arbeitskräfte können frei durch alle westlichen Länder ziehen, die einst zum Römischen Reich gehörten. Mit dem Beitritt neuer Mitgliedsstaaten, einschließlich Ungarns und Polens im laufenden Jahr, sehen wir dem Ende einer fünfzigjährigen grausamen Ost-West-Teilung entgegen. Europa selbst ist nun "ein neuer Westen".

Europa wird einheitliche politische Handlungsstrategien in Bezug auf Zuwanderung, Flüchtlinge, Handelsbeziehungen und die Schulden der "Dritten Welt" entwickeln. Die mit diesem Prozess einhergehenden Veränderungen betreffen nicht nur Wirtschaft und Politik, sondern wirken sich auch auf das Selbstverständnis der europäischen Bürger und Bürgerinnen aus. Wird dieses neue Europa "christlicher" sein als das alte? Was sollte die Welt von diesem Europa verlangen und welches Selbstverständnis sollten die Europäer in dieser neuen politischen Verkörperung haben (Borgmann)? Für die Leserinnen und Leser von CONCILIUM schließt dies auch Fragen des Glaubens und der Geschichte und Fragen nach Leitbildern ein.

Was ist Europa überhaupt? Australien, Afrika und Amerika sind durch ihre Meereslage deutlich abgegrenzt. Europa hat, zumindest auf seiner östlichen Seite, keine derartigen offensichtlichen Demarkationszeichen. Danilevskij, ein russischer Philosoph des 19. Jahrhunderts, fragte sich, ob das, was wir Europa nennen, nicht "nur eine westliche Halbinsel Asiens [...], ein große[s] Wort" sei, aber, seiner Ansicht nach, "ein Wort ohne bestimmte Bedeutung" (Fëdorov)? Das ist der Grund, warum die grundlegenden Metaphern, die Symbole Europas so wichtig sind. Ist Europa ein gemeinsames Haus, ein Paar Lungen, ein Baum mit gemeinsamen Wurzeln und später veredelten Zweigen (Melloni, Siebenrock)? Wenn Europa — wegen seiner gemeinsamen Wurzeln — so sein sollte, warum ernähren dann diese Wurzeln zwar die Türkei, aber nicht Russland? Wenn Europa zwei Lungenflügel hat, muss es dann nicht notwendigerweise immer unterteilt sein, spirituell und nicht zuIetzt auch wirtschaftlich, in einen Osten und einen Westen (Melloni)? Die Art und Weise, wie wir Europa begreifen, wird maßgeblich beeinflussen, wie Europa sich entwickeln wird, und an diesem Punkt kommen der Glaube und die Geschichte ins Spiel.

Die Auffassung, Europa sei die Wiege des Christentums, ist weitverbreitet — aber falsch. Wie 150 Jahre kritischer Analyse der Bibel ans Licht gebracht haben, ist das Christentum eine zutiefst orientalische oder zumindest nahöstliche Religion, wenngleich sie ihre Ursprünge in den Griechisch sprechenden und hellenisierten Überresten des Reiches Alexanders des Großen hatte. Das Christentum verbreitete sich am schnellsten in Nordafrika, in Ägypten, Libyen und dem heutigen Tunesien — und mit ähnlicher Geschwindigkeit in der heutigen Türkei, in Afghanistan, im Irak und im Iran. Im Jahr 245 n. Chr., als die meisten Nordeuropäer immer noch wild herumliefen und ihre Bräute entführten, gab es in der Euphrat-Tigris-Region bereits 24 christliche Bischofssitze. Ungarn beispielsweise wurde dagegen nicht vor dem Jahr 1000 christianisiert.

Wir halten Europa deshalb für das Zentrum des Christentums, weil unser historisches [121] Gedächtnis kurz ist. Der heilige Zeno, der afrikanische Missionar, der die Bevölkerung von Verona zum Christentum bekehrte und dessen sehr schwarzes und afrikanisch-byzantinisches Bild dort seine Patronatskirche schmückt, wäre über die Vorstellung, dass das Christentum eine europäische Glaubensrichtung sei, sehr erstaunt gewesen. Und angesichts Europas späterer politischer und gesellschaftlicher Geschichte haben afrikanische und asiatische Christen wirklich gute Gründe zu der Annahme, Europa sei niemals mehr als nur oberflächlich christianisiert worden.

Die Wahl eines polnischen Papstes im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, des ersten nicht-italienischen Papstes seit Jahrhunderten, hatte gravierende Folgen für Europa und für die katholische Kirche. Obwohl die Tinte der Geschichtsschreibung des späten 20. Jahrhunderts noch nicht trocken ist, sind sich die meisten Politikwissenschaftler darüber einig, dass die Rolle Polens, verstärkt durch seinen herausragenden Sohn in Rom, ausschlaggebend für den Zusammenbruch des kommunistischen Ostens war (Tomka, Michel). Wenn aber der Papst wichtig für Europa war, dann war Europa auch wichtig für den Papst. Von Anfang an gehörte die Vereinigung eines verwundeten und geteilten Europas zu den vorrangigen Anliegen des Pontifikats von Johannes Paul II. Der Druck von Ost und West hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Päpstliche Schreiben haben eine Fülle von Bildern (Lungen, Wurzeln, Haus) verwendet, um einer Vision Ausdruck zu verleihen. Vielleicht brauchen wir, ähnlich wie Paulus, der eine Vielfalt von Bildern verwendete, um den Sühnetod Christi zu erklären, eine Auswahl von einander überlappenden Metaphern, um unsere gemeinsame Vergangenheit und unsere angestrebte Zukunft zu würdigen?

Die gemeinsamen "Wurzeln" der europäischen Völker sind keine ansprechende Metapher, wenn man sich bewusst macht, dass diese irgendwie mit der Shoah zusammenhängen. Auch wenn der Vollblut-Nazismus eine atheistische und anti-christliche Ideologie war, bleibt die Tatsache bestehen, dass die europäischen Nationen, im Osten wie im Westen, insgeheim mit der Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger einverstanden waren. Der Schatten der Shoah hängt immer noch über Europa (Brenner). Dass sich das alles im "christlichen" Europa ereignet haben soll, ist ein Schlag gegen das Herz des Glaubens — und zugleich eine Mahnung für Christen und Christinnen auf der ganzen Welt, wie leicht ethnische und religiöse Verbitterung in Feindschaft oder einfach tödliche Gleichgültigkeit abgleiten kann.

Heute ist das Christentum für die meisten Europäer ein Teil von Europas ferner Vergangenheit — und nicht viel mehr. Die neue politische und wirtschaftliche Union hat sich, als ein Zeichen ihrer Abkehr von einer geteilten Vergangenheit, dafür entschieden, in ihrer Verfassung auf jede Anspielung auf die christliche Religion zu verzichten. Das könnte als großzügige Geste, gerichtet an die vielen europäischen Bürger, die einen anderen Glauben haben, die europäischen Musli-me und die europäischen Juden, verstanden werden, ist aber wahrscheinlich eher Ausdruck einer bewussten Distanzierung der säkularen Gesellschaft von ihrer religiösen Vergangenheit. Die innerchristliche Rivalität, die mit den Religionskriegen [122] in blutige Gewalt ausbrach, ist bei den weltlichen Autoritäten nicht in Vergessenheit geraten (Frieling, Ferrari). Religion, so scheint das neue Europa zu sagen, ist ein Teil unserer Vergangenheit, nicht unserer Gegenwart oder Zukunft. Natürlich wünschen sich nur wenige Europäer, wenigstens unter den Angehörigen der größeren christlichen Konfessionen, eine Rückkehr zur mittelalterlichen "Christenheit" mit ihrer Verschmelzung von christlicher Identität und europäischer Politik. Tatsächlich gehörten die Kirchen zu den ersten Institutionen, die sich dafür ausgesprochen haben, dass die christliche Vergangenheit Europas nicht als metaphorisches Druckmittel gegen seine zugewanderten Minderheiten eingesetzt werden darf (Kuschel). Andererseits ist der Glaube an Gott und der Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vielen von Europas neuen Immigranten teuer (wie auch vielen seiner alten Einwohner), und viele dieser Nicht-Christen sind ähnlich in Sorge über das Ausmaß, in dem die Gesetzgebung daran interessiert zu sein scheint, Gott aus der kollektiven sozialen und religiösen Vergangenheit Europas zu streichen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die christliche Religion einen enormen Beitrag zu den Werten, Idealen und Hoffnungen geleistet hat, die heute von der europäischen Bürgerschaft für selbstverständlich gehalten wird. Die Geschichte Europas kann nicht verstanden werden ohne die Geschichte des Christentums, mit all ihren Stärken und Schwächen: Die Bedeutung des Individuums, die Ideale von Freiheit und Selbstbestimmung, die Verpflichtung für das Gemeinwohl und die Würde der Frau, der sehr Alten, der sehr Jungen — all diese Dinge sind in der christlichen Vergangenheit Europas tief verankert. Die Frage gläubiger Menschen, und nicht nur der Christen, ob diese Dinge in Europas säkularisierter und kommerzialisierter Zukunft noch einen Platz haben werden, ist nicht unberechtigt (Ruggieri).

Was also sollte die Welt von Europa verlangen (Voiss)? Die Absicht dieses Heftes besteht darin, eine doppelte Linse — eine historische und eine theologische — auf Europa zu richten. Wir hoffen, dass die hier versammelten Beiträge einige der Herausforderungen an die Kirche und den Glauben, einige der semantischen Extravaganzen von zu häufig gebrauchten Ausdrücken und Bildern (Wurzeln und Lungen, Werte und Rechte) aufdecken und uns an die wesentlichen christlichen Begriffe erinnern, die im politischen Fortschreiten oft vergessen werden (Vergebung, Trost, Heilung, Armut). Trotz einiger augenfälliger Erfolge ist es zu früh zum Feiern und zu früh für billige, optimistische Voraussagen. Gute Fragen zu stellen könnte ein Anfang sein.

Als Herausgeber möchten wir den folgenden Kollegen und Kolleginnen für ihre Unterstützung bei der Erstellung dieses Hefts danken: Nedjeljko Ancic, Eleonora Barbieri Masini, Christophe Boureux, Virgilio Elizondo, Edouard Farrugia, Alexandre Ganoczy, Claude Geffré, Rosino Gibellini, Werner Jeanrond, Enzo Pace, David Power, Norbert Reck, Reiner Siebert, Leonard Swidler und Lukas Vischer.

Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Kett

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