Concilium 2004 / 1

Erbsünde

Zu diesem Heft

Die Erbsünde: Ein Code der Fehlbarkeit?

Christophe Boureux und Christoph Theobald

Der französische Philosoph Paul Ricoeur hat in seinem Werk immer wieder einen wichtigen Teil seiner Reflexion dem Problem des Bösen gewidmet. Angefangen mit La symbolique du mal aus dem Jahr 1960 und Le Mal. Un défi à la philosophie et la théologie aus dem Jahr 1986 bis hin zu dem zusammen mit dem Exegeten André LaCocque verfassten Buch Penser la Bible (erschienen 1998), dessen erstes Kapitel sich auf Gen 2-3 bezieht, hat Paul Ricoeur nicht aufgehört, als Philosoph die Theologen nach der logischen Folgerichtigkeit ihrer Übernahme der von Augustinus formulierten Lehre von der Erbsünde bzw. Ursünde zu befragen. In dem Kapitel seines Buches Der Konflikt der Interpretationen von 1969, das er diesem Thema widmet, finden wir wohl die entscheidende Pointe seiner kritischen Argumentation, nämlich dort, wo er schreibt: "Der Begriff der Ursünde enthält ein falsches Wissen, und als Wissen muß man ihn zerstören [...]. Obwohl die Theologie des Bösen von Grund auf antignostisch ausgerichtet war, ließ sie sich auf den Boden der Gnosis selbst ziehen und entwickelte dabei eine Begrifflichkeit, die dieser nahe kommt. Somit wurde aus der Anti-Gnosis eine Quasi Gnosis [...]"1

Ricoeur unterscheidet auf diese Weise zwischen dem Inhalt der Lehre von der Erbsünde, der antignostisch ist — das heißt, dass er einen Dualismus verwirft, der eine gute Schöpfung und eine böse Schöpfung nebeneinander stellt —, und der Form, die, indem sie ihre Begriffsbildung unter dem Einfluss des gnostischen Denkens vollzog, den Übergang vom Mythos zur Mythologie vollzogen hat. Dann fügt er hinzu: "Man wird nie ganz ermessen können, welchen Schaden die buchstäbliche, man müsste sagen, die ,historische` Interpretation des Adamsmythos der Christenheit zugefügt hat; sie verstrickte sie in das Bekenntnis einer absurden Geschichte und in pseudo-rationale Spekulationen über die quasi-biologische Übermittlung einer quasi-juridischen Schuld der Fehltat eines andern Menschen, den sie in die Nacht der Zeiten, irgendwo zwischen den Pithekanthropus und den Neanderthaler, zurückversetzte. Gleichzeitig wurde der in dem Adamssymbol verborgene Sinnreichtum vertan, so daß ein scharfsichtiger, vernünftiger Geist immer recht behalten wird gegen die Mythologie, von Pelagius bis zu Kant, Feuerbach, Marx oder Nietzsche, während das eigentliche Symbol jedoch stets über jede reduzierende Kritik hinaus zu denken gibt."2

Dieses Zitat wird allen folgenden Beiträgen als Raster dienen können. Es ist [2] tatsächlich ziemlich pikant, feststellen zu müssen, dass Ricoeur gegenüber den Theologen das Objekt, von dem sie reden, in einen Anklagepunkt gegen sie verwandelt: "Man kann nicht oft genug sagen, welch bösen Schaden die buchstäbliche Deutung ... der Christenheit zugefügt hat ..." Es ist so, als ob das Böse, das Objekt des theologischen Denkens und Redens, seine Produzenten infiziert hätte. Es wird also darum gehen, sich von diesem Abtriften zu distanzieren und zu versuchen, einen neuen Weg zur Rezeption der Lehre von der Erbsünde zu skizzieren, um auch heute noch deren wichtige Bedeutung fernab von allen ihren Entstellungen zu bewahren.

Zu diesem Zweck zielt die Planung dieses Heftes darauf, zu zeigen, wie die Lehre von der Erbsünde die christliche Einstellung zum Bösen und zur Schuld zutiefst geprägt hat. Wie ein Code (ähnlich dem genetischen Code oder dem Großen Code, den die Bibel nach der Meinung von Northrop Frye in der Literatur darstellt) bildet die Erbsünde a priori den Gestaltungsrahmen für den Entwurf des christlichen Bildes von der menschlichen Wirklichkeit; und sie ermöglicht a posteriori, das Geheimnis von dessen Funktionieren zu entschleiern. Wir haben gewagt, die Formulierung "Code der Fehlbarkeit" zu verwenden, um zu zeigen, dass die Erbsünde - im Gegensatz zu der nach wie vor wirksam bleibenden gnostischen Versuchung, die der Vernunft eine tatsächlich nicht erreichbare Reinheit zuspricht — den wesentlichen Zweck hat, ein Empfinden für die Grenzen und die Endlichkeit der konkreten menschlichen Existenz sowohl der Individuen als auch der Menschheit als ganzer zu vermitteln und dazu anzuleiten, diese Grenzen und diese Endlichkeit anzunehmen.

Der erste Teil des Heftes ist der Aufgabe gewidmet, in aller Kürze drei Etappen dieser Ausarbeitung nachzuzeichnen. Der zweite Teil bezieht sich auf die Aufarbeitung der biblischen Daten durch die zeitgenössische Exegese und deren neue Einordnung in ihren religiösen Kontext. Der dritte Teil zeigt, wie die Lehre von der Erbsünde heute in der Zuordnung der unterschiedlichen Facetten der menschlichen Wirklichkeit auf eine neue, kritische Weise wieder aufgenommen werden kann. Das Heft schließt mit einer nochmaligen Durchsicht der Gesamtheit der Beiträge, um so deren Zusammenhang aufzuzeigen.

1 Paul Ricoeur, Die Erbsünde — eine Bedeutungsstudie, in: ders., Der Konflikt der Interpretationen, Bd. II: Hermeneutik und Psychoanalyse, München 1974, 141f (Originalausgabe: Le conflit des interprétations, Paris 1969).

2 AaO., 159.

Aus dem Französischen übersetzt von Dr. Ansgar Ahlbrecht

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