Concilium 2003 / 5
Zu diesem Heft
Versöhnung in einer Welt der Konflikte
Luiz Carlos Susin
Die zur Zeit stattfindende Globalisierung, die die Welt in gewisser Weise kleiner macht, ermöglicht größere Nähe (im biblischen Sinn) bzw. Solidarität. Doch der biblische Sprachgebrauch macht uns darauf aufmerksam, dass die Nähe und das Böse eine gemeinsame Wurzel haben, sodass die Nächsten- und die Feindesliebe in Wahrheit nur zwei Ausdrucksweisen für ein und dasselbe Gebot sind. Ja man kann sogar sagen, dass die Liebe gegenüber dem Feind, dem Übeltäter, der einem zur Last fällt und einen bedrückt, erst der wahre Beginn der Nächstenliebe ist. Und die Nähe kann einen hohen Preis haben. In der Tat bedeutet heutzutage die größte Nähe keineswegs zugleich die größte Solidarität. Im Gegenteil: Nicht wenige behaupten, dass wir in einer Zeit leben, in der Hass und Feindschaft zunehmen und die besten Gefühle der Nähe, das heißt der Solidarität, des Friedens und der Eintracht, zunichte machen.
Erzwungene Nähe, das Gedränge der Bevölkerungsmassen, Migration um des Überlebens willen, die Flucht über Staatsgrenzen hinweg das alles kann eine Herausforderung zu wachsender Solidarität sein. Es fehlt nicht an Beispielen von Solidarität. Doch die übliche Antwort in den Zentren der Macht und der Privilegien ist die Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen der einen gegenüber den anderen, das Errichten von Barrieren heutzutage mit Hilfe der Informationstechnik, der Kybernetik und des ganzen Apparates von Passwörtern, elektronischen und digitalen Mitteln und Kameras. Um mehr Sicherheit zu erreichen, schafft man Bündnisse auf der Grundlage von Hass und Abwehr der anderen. Die größere Nähe in einer globalisierten Welt bedarf, um nicht in eine paradoxe Vereinsamung und Verrücktheit zu verfallen, dringend der Umkehr dieses Prozesses. Es sind Prozesse der Kontrolle und Überwindung der Konflikte, der gegenseitigen Anerkennung und der Gerechtigkeit und letztlich eine Kultur der Solidarität nötig, damit wir uns des Geschenks der Versöhnung und des Friedens als würdig erweisen. Davon hängt der Fortbestand der Menschheit ab.
Der brasilianische Journalist Mario Santayana sprach von einer Konstruktion des Hasses und meinte damit einen fortschreitenden Prozess mittels eines Meinungskrieges und der Manipulation von Daten und Nachrichten, der Verwirrung darüber stiftet, was die Völker wirklich füreinander sind, und auf diese Weise das Gefühl der Gefahr und Bedrohung verbreitet. Er erinnert an den berühmten Staatstheoretiker Hans Kelsen, der in seinem Essay Metamorphosen [526] der Idee der Gerechtigkeit aus dem Jahr 1949 seine Verwunderung über den Abschnitt 1155 aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles zum Ausdruck brachte. Dort heißt es: Die Erfahrung lehrt auch, dass Freundschaft die Polisgemeinden zusammenhält und die Gesetzgeber sich mehr um sie als um die Gerechtigkeit bemühen, denn die Eintracht hat offenbar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Freundschaft. Nach ihr aber trachten sie vor allem, während sie die Zwietracht, als das feindliche Element, vor allem auszutreiben suchen. Sind die Bürger einander Freund, so ist kein Rechtsschutz nötig, sind sie aber gerecht, so brauchen sie noch außerdem die Freundschaft, und der höchste Grad gerechten Wesens trägt die sichtbaren Merkmale der Freundschaft. Der besagte brasilianische Journalist meint dazu in Anschluss an Kelsen: Die Aristoteles-Forscher haben des Langen und Breiten das Verhältnis zwischen Politik und Freundschaft und deren gemeinsamer Sphäre, der Ethik, diskutiert. Ethik, Politik und Freundschaft sind Werte, die die Grundlage des Gemeinwesens bzw. des Staates bilden, doch die Erfahrung der Geschichte zeigt, dass keine menschliche Gesellschaft abgesehen von fiktiven Vorstellungen und der Hoffnung der Utopisten diese vollkommen verwirklicht hat. Doch dem ständigen Streben danach verdanken wir das Überleben der menschlichen Gemeinschaften. Eine Idee fasst die drei vorher genannten zusammen: die Idee der Solidarität. Wenn das Wesentliche der Solidarität, nämlich die Gerechtigkeit, fehlt, dann zerstören sich die Gesellschaften selbst in einem Akt des Verrates, der heute in der Hinnahme und Befürwortung des Imperialismus, im Krieg und schließlich im Völkermord zum Ausdruck kommt.
Mario Santayana fährt fort: Es gibt Momente in der Geschichte, in denen sich das Bewusstsein von Solidarität aufdrängt, damit die menschlichen Gemeinschaften erhalten und sie vor schmerzlichen Konflikten bewahrt bleiben. Und es gibt Gelegenheiten, bei denen dieses Bewusstsein vom Hass besiegt wird. Einige schreiben der Dummheit die Entfesselung der Gewalt zu, doch die Geschichte macht deutlich, dass gerade das beste logische Denkvermögen für gewöhnlich zu den größten Dummheiten führt. Molta sagessa, molte volte, vuole dire molta follia`, sagte Galileo einmal. Die Verrücktheit einer der Gegensätze zur Freundschaft hat von der ganzen Welt Besitz ergriffen. Das veranschaulicht das Preisausschreiben, das um ein Haar vom Pentagon veranstaltet worden wäre. Es sollte jene belohnen, die terroristische Akte vorhersagen. Dabei ging man davon aus, dass das Gewinnstreben und der Markt besser imstande wären, Entwicklungen vorherzusagen, als alle Anstrengungen militärischer Aufklärung. Wie es zur Pflicht eines jeden Menschen gehört, seinen eigenen gesunden Menschenverstand zu bewahren, so ist es nach Aristoteles die Pflicht der Gesetzgeber, das klare Denken bzw. die Einmütigkeit innerhalb des Gemeinwesens zu erhalten und den Hass zu überwinden.
Die Planung dieser Ausgabe der Zeitschrift CONCILIUM begann drei Monate vor der Tragödie des 11. September 2001. Sie beabsichtigt, über die bloße Reaktion auf diese schmerzlichen Ereignisse hinaus einen Schritt vorwärts zu wagen. Einige Analytiker des politischen Zeitgeschehens sehen in diesem tragischen [527] Datum den wahren Beginn des 21. Jahrhunderts, die Vorwegnahme einer neuen geopolitischen Epoche. Die Feierlichkeiten anlässlich der Jahrtausendwende auf der ganzen Welt, seien sie auch noch so spektakulär gewesen, hatten keinerlei Bedeutung im Sinne eines tatsächlichen historischen Wendepunktes. Doch zuvor gab es hinsichtlich der Geopolitik die Überzeugung, dass ein anderes historisches Datum eine Kehrtwende nicht eigentlich des Jahrtausends, jedoch des Jahrhunderts darstellte: das Jahr 1989 mit dem bejubelten Fall der Berliner Mauer und der kommunistischen Welt, wenigstens im Sinne eines Schlusspunktes eines Zeitalters der Extreme (Eric Hobsbawm), des kurzen 20. Jahrhunderts, das 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begonnen hatte. Das Buch von Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, das er nach 1989 veröffentlichte, fügte sich in die Reihe von Versuchen, das unilaterale Denken des einen Imperiums des modernen, liberalen, kapitalistischen und nun weltweit durchsetzbaren Okzidents zu kanonisieren. Nach dem 11. September distanzierte sich Fukuyama selbst von dieser Torheit und näherte sich Huntingtons These vom Zusammenprall der Zivilisationen an. Stehen wir vor einem Zeitalter des Schreckens? Werden wir weiterhin durch das Fernsehen zu passiven Zuschauern von Terror und Schrecken?
Bei vielem von dem, was uns weltweit bedrängt, handelt es sich in Wirklichkeit um offene Wunden, die aus einem mehr als hundert Jahre alten Prozess herrühren. Die jüngsten Ereignisse haben ihn nur verschlimmert. Es ist wichtig hervorzuheben: Es handelt sich um nicht vernarbte Wunden, um regionale und internationale Konflikte, die die mächtigsten Nationen beharrlich ignorieren oder für die sie beharrlich ihre eigenen Lösungen vorschreiben wollen. Die Völker haben Tausende von eigenen Geschichten; dazu gehören auch die Geschichten ihrer Traumata und ihres Leids, ihres Widerstandes und ihrer Verweigerung. Die durch die Dynamik der Moderne globalisierte Welt, die sich am Maßstab der Schnelligkeit und Beschleunigung als Kriterien der Modernisierung misst, verkannte den originären Charakter der einzelnen Völker und wurde selbst zu einer Welt, in der die Wunden, die Desintegration und die Fragmentierung zunehmen und in der sich die Risiken auf allen Ebenen vergrößern.
Paul Virilio, der Städteplaner und Autor des Buches Ereignislandschaft, Experte für Dromologie, d.h. für die Lehre von der Geschwindigkeit, machte die Beobachtung, dass Informationstechnik und Kybernetik dazu tendieren, den Raum zu virtualisieren und die Zeit im Maß der Lichtgeschwindigkeit (also die kosmische [528] und nicht bloß die irdische Zeit) zu komprimieren. Ihm zufolge bringt die Kybernetik keine Utopien, also virtuelle Orte, hervor, sondern lediglich A-topien, Nichtorte, Illusionsblasen und auch Distopien. Doch die Völker bewohnen weiterhin Orte, sie drücken sich selbst in der Körperlichkeit ihrer Mitglieder aus, sie brauchen ein physisches Ökosystem, Nahrung, um zu essen, Raum und Zeit in der Dimension ihrer Körperlichkeit. Die große Mehrheit der Bevölkerung, die nichts mit der Kybernetik zu tun hat, wird in ihrer fleischlichen Körperlichkeit immer mehr unterdrückt und zurückgedrängt. In ihrer Enttäuschung hinsichtlich Solidarität und Einmütigkeit und ohne das Angebot der Freundschaft sehen sie sich verpflichtet, sich auf den Weg der schmerzlichen Suche nach Gerechtigkeit zu machen. Und eine verweigerte Gerechtigkeit, die Verweigerung der Anerkennung und das Gefühl des Verlassenseins und der Ablehnung geben der Versuchung der Gewalt und des Terrorismus Raum.
Vor allem heute, in einer im höchsten Maß globalisierten Welt, muss man nicht länger Konflikte der konventionellen Art fürchten, das heißt Konflikte zwischen Völkern oder zwischen konservativen Oligarchien und revolutionären bzw. subversiven Kräften, in denen um Raum und regionale Vorherrschaft gekämpft würde. Dank der Kybernetik löst sich diese dunkle Seite der Menschheit in einen globalen Terrorismus inmitten des globalen Imperialismus auf. Es handelt sich um einen gleichfalls globalen Terrorismus, der globale Schreckenstaten hervorbringt und auch das Ökosystem nicht verschont, das zusammen mit den Kindern und den immer Unschuldigen zu den ersten Opfern gehört. Doch in den Konflikten der letzten Zeit wurde deutlich, dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, und zwar genau in dem Maß, in dem die Informationstechnik der vorrangige Schauplatz des globalen Krieges ist. Ob wir es wollen oder nicht, wir befinden uns alle im Bauch des Fisches. Ich benutze hier das archetypische Bild des Meerestieres in seiner Zweideutigkeit: Mitten in der Bedrohung durch das Chaos, im Versinken im Chaos kann der Bauch des Fisches die letzte Zuflucht und der Ort einer neuen Schwangerschaft und Geburt sein.
Wenn sich die Gefahren und der Terror globalisieren und sich schneller als früher ausbreiten, dann müssen auch die Hoffnung und die Suche nach Frieden durch gegenseitige Anerkennung, Recht und Gerechtigkeit global werden. Auf diesem Weg gibt es einen Prozess gegenseitiger Verstärkung: Der Friede erfordert die Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit verlangt nach Wahrheit, und die Wahrheit erheischt korrekte Information. Doch auf allen Ebenen der Gesellschaft Politik, Wirtschaft, Bildung muss eine pädagogische Entwicklung vorangetrieben werden. Das betrifft auch die Religion, vor allem, wenn Vergebung und Versöhnung nötig sind. Denn dabei handelt es sich um den anspruchsvollsten Aspekt des Friedens.
Die Fakten bestätigen, dass es keine leere Phrase ist zu behaupten, es gäbe weder Frieden noch Versöhnung in der Welt ohne Frieden und Versöhnung zwischen den Religionen. Darauf weist unter anderem Hans Küng beharrlich hin. Die Tatsachen machen auch die erschreckende Zweideutigkeit deutlich, die die Religionen wenn sie sich selbst mit dem Absoluten verwechseln, das [529] sie bezeugen und das mehr ist als sie und mehr, als sie zu beinhalten vorgeben. Die Religionen sind faktisch entweder Teil des Problems selbst, oder sie helfen, es zu lösen. Der Faktor Gott erzeuge weiterhin Opfer; diese Anschuldigung bringt der Literaturnobelpreisträger José Saramago vor. In meinen Augen ist der Faktor Gott das, was die Bibel als Götzen beschreibt, nämlich die Identifikation des Göttlichen mit der religiösen Erfahrung und den religiösen Institutionen. Etwas abstrakter ausgedrückt: Es ist die Hypostasierung des Absoluten und die Vergöttlichung des Relativen. Auf diese Weise trägt die Religion nach wie vor ein Potential des Hasses und des heiligen Krieges in sich, oder zumindest ein Potential des Opfers, dieses rätselhaften Phänomens der Religion, das die Gewalt und den heldenhaften Tod des anderen oder von einem selbst sakralsiert, um daraus Gutes zu erlangen.
Sofern die Religion zu dem führt, was von keinem religiösen System vollständig erfasst wird, was in keiner Gegenwart und keinem bestimmten Ort aufgeht, kann sie auch zum Faktor der Anerkennung der anderen, derer, die sich außerhalb ihrer selbst befinden, werden, und so eine mächtige Triebfeder des Zusammenlebens inmitten der Zerbrechlichkeit des gesamten Systems darstellen, ohne dass sie Opfer fordern müsste. In diesem Sinne ist Abraham auch für unsere Zeit eine der profiliertesten Gestalten der religiösen Überlieferungen: Er leistete der heiligen Ordnung des Opfers keinen Gehorsam, um dem Kind nichts Böses anzutun. In diesem Sinne stellten auch einige Juden und Palästinenser in einem Gespräch, in dem es um Zusammenarbeit und Zusammenleben ging, fest: Diejenigen, die ihre Kinder zu Opferlämmern erziehen und in den heldenhaften Opfertod schicken, motiviert von einem heiligen Gehorsam oder in der Hoffnung auf die Erlangung von Wohltaten, die aus der Blutrache entspringen, haben die Gestalt Abrahams noch nicht begriffen.
Man muss den Weg von der Religion des Opfers zur Religion der Barmherzigkeit gehen. Denn es gibt in der Tat eine Asymmetrie in jeder Geste der Barmherzigkeit und der Vergebung, die auf das Recht auf Rache verzichtet und denen, die den Tod verdienen, eine neue Lebensmöglichkeit schenkt; sie erscheint wie Schwachheit und Verlust. Das Mitleid rettet noch eher als die Schönheit die Welt. Doch diese Verwandlung des Rechtes auf Rache in neues Leben für die Schuldigen hat einen hohen Preis und kostet viel. Es ist die Sühne, die das Böse auf sich nimmt und es in Gutes verwandelt, das Erbarmen mit denen, die hassen, die Feindesliebe. Sie ist in höchstem Maße kostspielig und gefährdet, wenn der Schrei nach Blutrache für die Opfer der eigenen Familie laut wird, denn dann ist es notwendig, die Toten mit der Barmherzigkeit und der Sühne für andere, die schuld an ihrem Tod sind, in Verbindung zu bringen. Deshalb leiden diejenigen, die zur Vergebung aufgerufen sind, mehr und vergießen mehr Tränen als diejenigen, die der Vergebung und des neuen Lebens bedürfen. Und deshalb bedarf dieser Prozess auch einer geheimnisvollen Zeit, einer Zeit des Leidens und vor allem einer Zeit der Toten selbst, der Gewissheit, dass die Toten selbst noch barmherzig sein und denen, die durch ihre Gewalt verroht sind und entmenschlicht wurden, eine neue Lebensmöglichkeit schenken können und wollen. Vergebung ist ein Geschehen [530] des Verlustes, das zu Gewinn führt: Man akzeptiert, das Leid durchzumachen, das der andere verdient, und bietet so den Frieden an, den der andere nicht verdient. Daraus entsteht eine Neuschöpfung, und sie ist wesentlicher Bestandteil der neuen, endzeitlichen Welt, die nur durch Vergebung und Umkehr möglich wird. Es versteht sich von selbst, dass das Empfangen von Vergebung die Anerkennung und das Eingeständnis des eigenen Elends voraussetzt und die Sehnsucht erheischt, ein neues Leben anzunehmen, das in diametralem Widerspruch zu demjenigen steht, welches das menschliche Elend herbeigeführt hat. Die Annahme der Vergebung erfordert also jene Reue, die praktisch zu allen religiösen Traditionen gehört. Die Rede von Rechtfertigung und Versöhnung erfordert in der Tat eine Unterscheidung: Einerseits geht es um die Rechte der und die Gerechtigkeit für die Opfer, die das Recht haben, gerechtfertigt zu werden; und andererseits um die Pflicht des Täters zur Umkehr, des Täters, der durch ein neues Leben gerechtfertigt werden muss. Doch nur innerhalb von einfachen Verhältnissen ist es möglich, klar zwischen Opfer und Täter zu unterscheiden. In komplexen Verhältnissen wie den unseren, innerhalb einer globalisierten und komplexen Welt, führt diese Unterscheidung zum Manichäismus. In komplexen Situationen werden Opfer und Täter austauschbar: Alle bedürfen der Anerkennung und ebenso alle der Umkehr.
Im Grunde entspringen Versöhnung und Frieden einem letzten Horizont, der immer noch jenseits aller Horizonte und Landschaften aufscheint. Sie sind wie die Sonne, die am Horizont aufgeht, um mit ihren Strahlen Ort und gegenwärtige Zeit, wie gewalttätig sie auch sein mögen, überall zu berühren und alles mit Energie und Inspirationskraft zu erfüllen, um einen Schritt in Richtung jenes großen Horizonts zu tun: Das, was sein muss, hat Kraft, die Utopie hat sichtbare Zeichen. Oftmals ist ein Schritt in Richtung Versöhnung so schmerzhaft, dass er neue Wunden und neue Märtyrer verursacht. Dies war der Fall bei Gandhi, bei Martin Luther King und bei Bischof Juan Girardi, der im April 1998 in Guatemala innerhalb des Prozesses der Versöhnung einen Menschenrechtsbericht vorlegte und, nachdem er leidenschaftlich und voller Erbarmen mit den Lebenden und den Toten seine Aufgabe abgeschlossen hatte, ermordet wurde. Unsere Zeit ist von Märtyrern der Versöhnung geprägt. Während wir diese Ausgabe von CONCILIUM vorbereiteten, nahmen wir Kontakt zum Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Genf, Sérgio Vieira de Mello, auf. Er war für Konfliktlösung und Wiederherstellung des Friedens in unterschiedlichen Kontexten, in Afrika, im Kosovo und in Westtimor, verantwortlich gewesen. Wir erfuhren, dass er zum Koordinator der UNO-Delegation für den Wiederaufbau des Irak ernannt worden war und dass wir auf eine Antwort auf unsere Bitte, für dieses Heft einen Beitrag zu leisten, warten müssten. Die Antwort kam nicht; er starb bei der Erfüllung seiner Aufgabe. Es gibt Märtyrer, die ihr Leben nicht für eine Sache auf Kosten einer anderen aufs Spiel setzen, sondern für die Versöhnung untereinander, und ihr Blut ist nicht vergeblich vergossen, wenn uns das Gedächtnis der Toten hilft, den Prozess der Versöhnung, für den sie ihr Leben gaben, fortzuführen. Wenn man diesen Schmerz und diese Mühe es handelt sich um wahrhaftige [531] Geburtswehen auf sich nimmt, dann wird es möglich, dass Freundschaft und Eintracht über Hass und Zerstörung triumphieren.
Dieses Heft der Zeitschrift CONCILIUM ist den Prozessen der Konfliktlösung und Versöhnung gewidmet. Im ersten Teil schildern und interpretieren die Autoren Friedensprozesse und persönliche Erfahrungen, die tief verankert sind in bestimmten Kulturen und Völkern, im Geschlecht, in der Religion, im konkreten Engagement und in den Kämpfen für Gerechtigkeit und Menschenrechte mitten in Konflikten. Diese Zeugnisse und Reflexionen machen deutlich, dass es einen Schatz von Weisheit bei der Behandlung von Wunden und in regionalen Konflikten gibt, und das gibt wirklich Anlass zur Hoffnung und Mut, auf diesem Weg weiter voranzugehen.
Ausgangspunkt des zweiten Teils ist eine Vermutung hinsichtlich dessen, was man von den religiösen Traditionen für die Prozesse der Versöhnung erwarten kann und was sie zur Hoffnung auf eine Welt mit weniger Konflikten und mehr Frieden beitragen können. Autoren, die in ihren jeweiligen religiösen Traditionen fest verwurzelt sind, bieten uns einen Reichtum von Inhalten und Überlieferungen sowie ihr feines Gespür und ihre Vorschläge an. Dabei sind sie inhaltlich sehr klar und entschieden, gleichzeitig aber in der Art der Darstellung sensibel.
Im dritten Teil geht es um Erfahrungen und Lehren aus den Versöhnungsprozessen, dann aber auch um die präventive und friedenserhaltende Arbeit in Krisensituationen und um einige allgemeine Überlegungen zur Konfliktprävention an sich und zur Rolle der religiösen Traditionen für die Bewahrung des Friedens.
Wir wissen heute, dass der Traum vom ewigen Frieden nur Wirklichkeit werden kann, wenn es eine beständige Wachsamkeit und ein immer wieder neues Bemühen um Frieden durch Gerechtigkeit und Versöhnung gibt. Die Autoren bieten in diesem Heft großzügig ihre Erfahrung und ihre von Überzeugung geprägten Überlegungen als wohl fundierte Inspiration an.
Für Ratschläge und Unterstützung bei der Vorbereitung dieses Hefts möchten wir Herausgeber Rafael Aguirre, Klaus Demmer, Virgil Elizondo, Alberto Melloni und Christoph Theobald herzlich danken.
Aus dem Portugiesischen übersetzt von Christian Roth