Concilium 2003 / 2

Menschenwürde in der Debatte

Zu diesem Heft

Um der Würde willen

Elsa Tamez, Maureen Junker-Kenny und Regina Ammicht-Quinn

Der Film des kolumbianischen Regisseurs Sergio Cabrera Die Strategie der Schnecke endet mit der Wendung „um der Würde willen“. Er erzählt die Geschichte der spektakulären mitternächtlichen Mobilisierung der Mieter eines großen alten Hauses in einem Vorort von Bogotä nach einem Räumungsbefehl, der sie auch zum Neuanstrich verpflichtet. Diese von Armut gezeichneten Menschen, Frauen, Männer, Alte und Junge, bringen es fertig, das Haus von innen vollkommen auseinander zu nehmen, ohne das es jemand merkt. Alle Wände, Decken, Türen und Fenster werden entfernt, nur die Fassade bleibt übrig. In dem Augenblick, als der rechtmäßige Besitzer, ein neureicher Yuppie, das Haus betritt, bricht die Fassade über ihm zusammen. Dahinter taucht eine Wand mit der Zeichnung eines Hauses auf und ein Schild, das besagt: „Hier hast Du Dein beschissenes neu gestrichenes Haus“. Ein Journalist, der diesen „epischen“ Streit nicht versteht, fragt einen der Mieter:

„Was soll das Ganze eigentlich?“

„Nun ja“, war die lakonische Antwort, „es geht um die Würde. Wissen Sie nicht, was ,Würde‘ ist?“

Mit dieser erbosten Antwort endet der Film.

Was manchen als Torheit erscheint, ist für andere eine Frage von Leben und Tod, eben eine Frage der Würde. Es fällt nicht leicht, sich als Mensch mit eigener Würde zu verstehen, wenn man Tag für Tag den Demütigungen einer Gesellschaft voller Ungleichheiten ausgesetzt ist, einer Gesellschaft, in der die einen schon aufgrund ihrer Position, Kultur, ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts von Geburt an mit Würde ausgestattet sind, während andere ständig darum kämpfen müssen, ihren Wert als Person erst einmal zu beweisen. Würde kann ebensoviel bedeuten wie ein magisches Wort, etwa „um der Auferstehung willen“, oder sie kann einfach etwas sein, was sich kaufen und verkaufen lässt.

Und doch ist die tiefe Bedeutung menschlicher Würde gar nicht so klar, wie es scheint. So kann zum Beispiel eine reiche Frau lieber den Hungertod in Kauf nehmen als den Verlust ihrer Würde, die ihr sagt, es zieme sich nicht für eine Frau ihres Standes, sich zu den Hausangestellten an einen Tisch zu setzen und mit ihnen zu essen. In der Praxis hat menschliche Würde wenig mit den hochtrabenden nationalen oder internationalen Erklärungen politischer Verfassungen zu [140] tun. Ihre Bedeutung zeichnet ein Muster, das sich aus allen möglichen kulturellen und sozialen Konstrukten und zugleich einem tiefen menschlichen Gefühl zusammenfügt.

Heute wird „Würde“ mit immer mehr Nebenbedeutungen befrachtet und die Begriffsverwirrung nimmt bedenkliche Ausmaße an. Menschenwürde, ein Dreh- und Angelpunkt modernen Selbstverständnisses, wird als ein Grundwert von vielen Interessengruppen in Anspruch genommen. Dass sie bei allem Streben nach Toleranz und trotz des Einflusses eines Kulturrelativismus immer noch verletzt wird, gibt man in der politischen Argumentation nach wie vor zu. In der biomedizinischen Ethik führen sowohl Verfechter wie Gegner einer freiwilligen Euthanasie zur Begründung ihrer Position die Menschenwürde ins Feld. Embryonen verbrauchende Forschung für künftige Therapien wird im Namen der Würde der menschlichen Person sowohl verteidigt als auch zurückgewiesen. Und in manchen ihrer Stellungnahmen spielt die Kirche die „Würde“ der Frau gegen ihre Gleichheit aus. Was ist nun diese Würde des Menschen, für die man so engagiert plädiert? Eine Ideologie? Eine Kategorie, die schützt oder ausgrenzt? Dieser politisch-ideologische Begriff schlechthin soll hier nach vier Richtungen untersucht werden: der analytischen, historischen, philosophisch-theologischen und der praktisch-politischen:

I. In welchen Lebensbereichen wird heute die Frage der Menschenwürde immer wieder aufgeworfen und was haben diese verschiedenen „Ortsbestimmungen“ und Fragestellungen gemeinsam? Von welchen Begriffen muss „Menschenwürde“ abgegrenzt werden - von Gleichheit, Selbstachtung, Autonomie?

II. Welche Herausforderungen haben dazu geführt, dass der Begriff sich im Laufe der Geschichte (erheblich) gewandelt hat, von einer bloß äußeren Ehrenhaftigkeit in der Antike bis hin zu einer Wesensbezeichnung in der Moderne, die einen Menschen als Zweck, nicht als Mittel sieht? Mit Blick auf welchen „Anderen“ wurde der Begriff im Einzelnen dann näher „ausgefüllt“, und in welchen Epochen war das der Fall?

III. Wie verhalten sich die philosophischen und theologischen Grundlagen von Würde zueinander?

IV. In welchen Praxisfeldern erhebt man den Anspruch auf Menschenwürde? Wann ist ein Verweis auf die Erfahrung menschlicher Würde unumstritten und wann wird sie als „Totschlagargument“ im Diskurs zu Recht kritisiert? Kann „Menschenwürde“ in einer pluralistischen, polyzentrischen Welt als Formel dienen, die alle eint? Und wenn sie es kann, welchen Stellenwert muss man ihr zubilligen - einen empirischen als den gemeinsamen Nenner eines sich überschneidenden Konsenses, einen transzendentalen als die unumstößliche Grundlage einer Apriori-Anerkennung potentieller Freiheit oder den einer praktischen Parteinahme als eines Zeichens (oder einer Chiffre) für die jeweils gefährdete Menschenwürde des „Anderen“?

Teil 1: Patrick Verspierens Begriffsanalyse ortet „Würde“ als Bezugspunkt in politischen und bioethischen Debatten und kommt zu dem Ergebnis, dass der Begriff in jüngster Zeit für Personen reserviert wird, die handlungsfähig sind und [141] sich durch gewisse Eigenschaften auszeichnen. Damit sei er hinter seine universale Verwendung für alle Menschen zurückgefallen, die sich im Laufe seiner religiösen und philosophischen Geschichte herausgebildet hat, und befinde sich wieder im Umfeld des antiken Sinns von Ehre, Schicklichkeit und Anstand, die nur den Edlen zukomme.

Die historischen Perspektiven in Teil 2 über den kulturbedingten Wandel in den Konzepten von Würde reichen von der Antike bis in die Gegenwart hinein, wo christliche und säkulare Humanismen mit „posthumanistischen“ Selbstverständnissen und der technologischen Faszination, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, miteinander im Streit liegen. „Wie viel Erde braucht ein Mensch, um in Würde leben zu können?“ Diese Frage Tolstois wird für den Soziologen und Sozialphilosophen Oskar Negt zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, die einen Bogen schlagen von Cicero bis Kant, wobei Freiheit, Autonomie und Würde sich gegenseitig erhellen. Regina Ammicht-Quinn findet in der gegenwärtigen Popkultur mit ihrer Annäherung von Mensch und Maschine einen zeitgenössischen Ansatzpunkt für die Frage nach der Würde des Menschen. So rückt menschliche Verwundbarkeit, die Fähigkeit verletzt zu werden, ins Zentrum der Reflexion und der Praxis.

In Teil 3, der Würde als philosophische und theologische Kategorie weiter vertieft, schlägt Paul Valadier in seinem Begründungsdiskurs eine ähnliche Schwerpunktverlagerung vor: Unser aller „Unwürdigkeit“, Erfahrungen menschlicher Verletzbarkeit und die aus dem Anblick einer entstellten Menschheit hervorgehende Achtung sollten als Ausgangspunkt dienen. Das Bild vom leidenden Gottesknecht in der Hebräischen Bibel und die Gleichniserzählung vom barmherzigen Samariter bei Lukas zeigen mit ihrer Kritik an der „anthropologischen Korrektheit`, dass der Begriff als Prozess der Bewusstwerdung von der „gleichen Würde“ auch des Verletzten verstanden werden sollte.

In ihrer Auseinandersetzung mit den philosophischen und theologischen Grundlagen von Würde bestimmt Maureen Junker-Kenny den Ort, wo der christliche Glaube seinen Beitrag zu leisten hätte; sie tut das vor dem Hintergrund zeitgenössischer Vorschläge, über die Begriffe der menschlichen Natur und einer allen gemeinsamen Humanität hinauszugehen. Das Christentum muss politisch und theoretisch gegen die vielfachen Verletzungen der Menschenwürde in der Praxis und gegen eine mögliche Begriffsentleerung Widerstand leisten, eine Aufgabe, die Wertbildung und Wertevermittlung gleichermaßen umfasst.

Juan Jose Tamayo-Acosta behandelt die entscheidenden biblischen und theologischen Umbrüche, in denen Würde und Befreiung letztlich auf eine Begegnung des Menschen mit Gott zulaufen. In einem auffallenden Gegensatz zu den typisch westlichen Traditionen säkularen und religiösen Denkens, wie wir sie bisher kennen gelernt haben, untersuchen Linda Hogan und John D'Arcy May, ob Begriff und Konzept von Würde auch in östlichen Religionen vorkommen und wie sie inhaltlich bestimmt werden. Die hermeneutischen Fragen, die solch ein interreligiöser Dialog aufwirft, berühren direkt die Grundlagen menschlichen Denkens, etwa die Frage, ob es überhaupt möglich sei, einen Ich- bzw. Personenbegriff [142] zu bilden. Sie zeigen auch, welche interpretativen Aufgaben vor uns liegen, wenn Würde als die universale Kategorie anerkannt werden soll, die zu sein sie beansprucht.

In Teil 4 werden Erfahrungen von Menschenwürde in ihren unterschiedlichen Kontexten näher untersucht. Für Enrique Dussel ist menschliche Würde in ihrer Eigenschaft, Fundament aller Werte zu sein, keineswegs unumstritten. In Anlehnung an den Diskurs der Zapatistas analysiert er den Kampf um die Anerkennung von Würde und ihre positive Bedeutung für die Weitergabe des Lebens und die Sicherung von Freiheit und Demokratie. Die Erfahrung der Behinderung ist der Hintergrund, von dem aus Eva Kittay die üblichen philosophischen Standardkriterien für Würde in Frage stellt. Die Anerkenntnis, dass jeder Mensch das „Kind einer Mutter“ sei, legt tiefere Grundlagen für menschliche Würde als die abstrakte Ebene kognitiver Strukturen: Würde ist damit in der konstitutiven Erfahrung begründet, dass der Mensch vom ersten Atemzug seines Lebens an auf Beziehung verwiesen ist, in der die Fürsorge als wesenhafter Wert deutlich wird.

Diese Neuinterpretation der Grundlegung von Würde, die Kittay als Philosophin und Mutter einer behinderten Tochter vorlegt, findet ihre Resonanz im Nachdruck, mit dem Valadier und Ammicht-Quinn die menschliche Verletzbarkeit als einen heutigen Zugang zur Menschenwürde betonen. Leo Pessini vergleicht das säkulare und theologische Verständnis von Würde im Kontext biomedizinischer Ethik, genauerhin mit Blick auf die Sterbehilfe. In ihrer Antwort fasst Maureen Junker-Kenny die übereinstimmenden Elemente in den verschiedenen Beiträgen zusammen und arbeitet Fragen für eine theologische Debatte heraus.

Zum Schluss des Heftes tauschen schließlich die drei Herausgeberinnen von ihren unterschiedlichen Kontexten her noch nachträgliche Überlegungen zum Prozess der Herausgabe des Themenheftes zur „Menschenwürde in der Debatte“ aus.

Die Herausgeberinnen danken den folgenden Kolleginnen und Kollegen für ihre Vorschläge zur Konzeption dieses Heftes: Paulo Fernando Carneiro de Andrade, Karl Derksen OP, Marcio Fabri, Rosino Gibellini, Mary Grey, Hille Haker, Mary E. Hunt, Alberto Melloni, María Pilar Aquino, Norbert Reck, Donna Singles und Christoph Theobald.

Aus dem Englischen übersetzt von Franz Schmalz

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