Concilium 2003 /

Martyrium in neuem Licht

Zu diesem Heft

Teresa Okure, Jon Sobrino und Felix Wilfred

Im März 1983 widmete CONCILIUM ein ganzes Heft dem Thema „Martyrium heute". Der Grund, weshalb man damals diese Frage aufgriff, war, wie J. B. Metz und E. Schillebeecks im Vorwort erklärten, dass „es so etwas wie einen geschichtlich-kulturellen Wandel im Typ des Martyriums bzw. im Profil des Märtyrers gibt". Heute, zwanzig Jahre später, kommen wir erneut darauf zurück, da unsere heutige Realität uns genug Anlass zum Nachdenken bietet, wobei natürlich auch das Martyrium „auf den Prüfstand zu stellen ist". Nicht, dass sich in unserer Welt alles geändert hätte, doch bietet die gegenwärtige Wirklichkeit gegenüber früher auf der einen Seite neue konkrete Anhaltspunkte und Facetten, auf der anderen hat sich aber auch ein neues Bewusstsein ihr gegenüber herausgebildet. Aus solcher Perspektive möchten wir in dieser Einleitung, was das „Martyrium in neuem Licht" angeht, drei Dinge ansprechen.

1. Die Barmherzigkeit als konsequente Reaktion auf eine Welt voller Grausamkeit. Was uns als Erstes zum Nachdenken herausfordert, ist die Tatsache, dass zwanzig Jahre nach jenem Heft über das Martyrium die Welt als Ganzes betrachtet unverändert ungerecht, inhuman und grausam ist — in mancher Hinsicht mehr als damals. Unter der Schirmherrschaft eines vom Egoismus geprägten Neoliberalismus bringt sie weiterhin ungezählte Gewalttaten hervor und über Millionen von Menschen den Tod. Und auch die Globalisierung hat — selbst mit ihren durchaus positiven Potentialen — die Dinge nicht sonderlich verändert; sie produziert nach wie vor Arme, Unterdrückte, Ausgegrenzte und Opfer, und das millionenfach. Außerdem ist es vor allem heute unerlässlich, daran zu erinnern, dass sich hinter den ethnischen — komplexen, mehrdeutigen und oftmals gewaltsamen — Konflikten schwerste Ungerechtigkeiten gegenüber Minderheiten und wehrlosen Ethnien verbergen.

Nun gibt es Menschen, die auf diese Situation mit Barmherzigkeit reagieren, um die Opfer der Wirtschaftsordnung zu verteidigen, und die deshalb, schutzlos wie sie sind, gewaltsam und voller Unrecht umgebracht werden. Es gibt aber auch Menschen, die inmitten ethnischer Konflikte sich abmühen und kämpfen, um die Unterschiede zu überwinden und die Menschenrechte derer, die am meisten unterdrückt werden, zu verteidigen. Nicht alles in diesen Konflikten geht auf das Konto des „Terrorismus", wie man uns bisweilen glauben machen will, sondern viele gehen eben soweit, ihr Leben für die Schwächsten der Schwachen hinzugeben. [2] Der Tod all dieser Menschen, von denen wir gesprochen haben, ist in erster Linie Ausdruck der Liebe zu den Armen und Opfern, und diese Liebe ist es, die sie auszeichnet. Auch wenn wir sie hier nicht mit irgendeinem Wort charakterisieren wollen, so lässt sich doch eines sagen: sie sind bis zur letzten Konsequenz barmherzig.

Das ist auch der Hauptgrund, weshalb wir heute das Martyrium in neuem Licht sehen müssen. Unzählige haben aus Liebe zu den Armen, Unterdrückten und Verachteten ihr Leben hingegeben in der Hoffnung, dass diese Hingabe einmal Leben, Gerechtigkeit und Würde hervorbringen wird. Das aber heißt, das Martyrium aus Barmherzigkeit ist in erster Linie eine universale Realität: in Lateinamerika praktizieren es vor allem Christen; in Asien und anderen Kontinenten Angehörige anderer Religionen — und manchmal trifft es sogar auf jene zu, die keiner Religion angehören.

Diese erste Überlegung scheint uns wichtig zu sein, nicht so sehr, um bestimmten Personen Ehre zu erweisen, sondern um uns wie sie für die Wahrheit und Liebe, für Menschenrechte und Gerechtigkeit zu engagieren in einer Welt, die all diese Dinge bitter nötig hat. Ein so verstandenes „Martyrium" kann dann kraft seiner Universalität auch als utopisches Prinzip und als Dreh- und Angelpunkt einer menschlichen Globalisierung dienen, die weder vom Egoismus geprägt ist noch andere ausgrenzt.

Wenn wir nun diese Märtyrer speziell von der biblisch-christlichen Tradition her betrachten, so möchten wir sie „jesuanische Märtyrer" nennen, da sie wie Jesus den Tod erdulden, weil sie nach seinem Vorbild gelebt, gearbeitet und gekämpft haben. Bei ihnen findet sich auch nicht die Spur einer Opferideologie, kein Fanatismus, ja nicht einmal die direkte Absicht, sich mit dem Gekreuzigten auf mystischer Ebene zu identifizieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr jene Liebe zu den Armen und jenes Eintreten für die Unterdrückten, wie Jesus sie uns vorgelebt hat. Der Tod ist nur das unvermeidbare Nebenprodukt, den man nicht herbeiwünscht, sondern aus jener Liebe heraus und um jener Parteinahme willen frei auf sich nimmt. Wenn solche Märtyrer Zeichen einer Hoffnung sind, dann ist es nicht die auf eine direkte Belohnung nach dem Tod, sondern dass den Opfern einmal Gerechtigkeit widerfahren wird. Handelt es sich um Christen, dann sind sie, formal gesehen, nicht Märtyrer der, sondern in der Kirche, womit das Martyrium, wiederum aus der Sicht der biblisch-christlichen Tradition, als universale und ökumenische Realität deutlich wird. Sie sind Märtyrer der Menschheit.

Diese Realität, deren man sich heute immer stärker bewusst wird, untersucht ganz allgemein der erste Beitrag von Jon Sobrino. Die folgenden Artikel von S. J. Emmanuel, Elsa Tamez und Teresa Okure führen uns anhand konkreter Beispiele die spezifischen Situationen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas vor Augen. Seán Freyne vertieft in seiner Analyse des Martyriums Jesu aus biblischer Sicht die jesuanische Dimension, wie wir sie genannt haben, und José Ignacio González Faus stellt die Liebe als den Schlüssel zu seiner Deutung heraus.

2. Das Selbstopfer und der Terrorismus. Als Zweites gibt uns eine alte, heute aber sehr präsente Problematik zu denken: der Ausbruch eines Terrorismus, der mit [3] den historischen Formen von Religion in Zusammenhang steht. Es ist ja allseits bekannt, dass die Religionen in ihrer Selbstdarstellung als Botschafter einer absoluten Wirklichkeit auf der einen Seite soweit gehen können, sie auch absolut und uneingeschränkt, einschließlich der Gewalt, zu verteidigen. Auf der anderen Seite können sie aber auch bei ihren Mitgliedern die Bereitschaft, gleichsam die Neigung wecken, für diese absolute Wirklichkeit ihr Leben einzusetzen. Das bringt freilich eine doppelte Gefahr mit sich: Es entsteht ein Fanatismus der Selbstaufopferung (bisweilen noch verstärkt durch den Glauben an eine Belohnung nach dem Tod) und das Opfer des eigenen Lebens wird dazu benutzt, Unschuldige zu töten. Von hier aus gesehen muss jede Art von Verherrlichung des Martyriums, die von solchen Prämissen ausgeht, äußerst kritisch betrachtet werden. Eine Analyse in diesem Sinne liefert der Beitrag von Felix Wilfred.

Neben dieser extremen Form von „Zweideutigkeit des Martyriums" bringen wir noch drei weitere Beispiele, die in der Geschichte der Kirche wiederholt aufgetreten sind. Das erste ist die zweideutige — oft interessengeleitete und ideologisierte — Verwendung des Begriffs „Märtyrer" in den sogenannten Missionsländern. Damit befasst sich die Analyse von Georg Evers. Eine weitere Zweideutigkeit verbirgt sich hinter der Frage, die sich an eine Kirche richtet, die ihre eigenen Märtyrer anspricht: stand sie, historisch gesehen, auf der Seite der Opfer oder der Täter? Dieser Frage geht der Beitrag von Peter Kanyandago nach. Und schließlich befasst sich Alberto Melloni mit der Verfolgung und dem Martyrium, die im Laufe der Geschichte innerhalb der Kirche vorgekommen sind und analysiert als Beispiel die Verfolgung bzw. Maßregelung von Theologen in diesem (und im letzten) Jahrhundert.

3. Den gekreuzigten Völkern einen Namen geben. Was uns als Letztes überaus nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass die als brennendste Realität unserer Tage eingangs erwähnte Welt voller Grausamkeit, der Millionen von Menschen zum Opfer fallen, weder von der Gesellschaft noch von der Kirche wirklich ernst genommen wird und bei der theologischen Neubewertung des Martyriums oft nicht einmal auf die Tagesordnung gesetzt zu werden pflegt: Es handelt sich ja hier um den Tod von Millionen von Menschen, insbesondere von Jungen und Mädchen in den vormals so genannten Ländern der Dritten Welt, die an den verschiedensten Formen der Armut und Ausgrenzung, der Kriege und Massaker, an den alltäglichen Formen des Hungers in den Ländern der Sahelzone (südlich der Sahara, etwa Somalia und Eritrea und andere) zugrunde gehen; und es handelt sich in einigen Regionen Asiens um Menschen, vor allem um schuldlose Kinder, die an AIDS sterben . Die Tatsachen sind unbestreitbar, doch ihre Opfer tragen keinen Namen, weder einen kirchlichen noch einen theologischen, noch billigt man ihnen irgendeine Art von Würde zu. Doch langsam bildet sich ein neues Problembewusstsein heraus. Man erkennt die Notwendigkeit, eine Lösung zu suchen, steht doch hier für die Menschheit ein Minimum an Scham und für den christlichen Glauben die Identität und Relevanz auf dem Spiel. Konkreter gesagt sind es zwei Gründe, das Thema „Martyrium" in einem eigenen Heft erneut aufzugreifen.

[4] Der erste ist historischer Natur. Mit den „Märtyrern" haben diese Mehrheiten gemeinsam, dass sie schutzlos und zu Unrecht den Tod erleiden, bisweilen langsam und in kleinen Schritten aufgrund von Armut und Unterdrückung, bisweilen schlagartig und gewaltsam in Massakern und Kriegen, die man ihnen aufgezwungen hat. Der zweite Grund reicht tiefer und ist letztlich nur von einem Glauben, mit Sicherheit vom biblischen Glauben her, zu begreifen: Diese Millionen von Menschen sind „der leidende Gottesknecht" in unserer Welt. Und in der Sprache des Neuen Testaments sind sie „der gekreuzigte Christus".

Man kann sich darüber streiten, mit welchem Wort man diese Millionen gebührend bezeichnen soll, was man aber nicht kann, ist, sie der Namenlosigkeit und einer fernen und bleibenden Anonymität anheim zu geben, ist es doch so, dass sie nach biblisch-christlichem Glauben die Privilegierten Gottes sind. Fragt man sich, ob man sie fachterminologisch als „Märtyrer" im strengen Sinne bezeichnen kann oder nicht, so lässt sich vielleicht Folgendes sagen. Verglichen mit dem Martyrium Jesu, drückt der Tod dieser Mehrheiten weniger die Verteidigung der Armen aus, weniger den Charakter des Kampfes gegen das Reich des Bösen, weniger auch die Treue inmitten aller Verfolgung und nicht so sehr die Freiheit, mit der man dem Tod entgegentritt. Dafür aber bringen sie umso mehr die historische Unschuld (man wusste es nicht besser) und die Schutzlosigkeit zum Ausdruck. Wie es im ersten Beitrag des Heftes heißt: „Sie bringen besser zum Ausdruck, dass es jene Bevölkerungsmehrheiten sind, denen auf ungerechte Weise die Last einer Sünde aufgebürdet wird, die sie nach und nach im Leben zerstört und im Tod endgültig vernichtet."

Wo man ihren Tod — in der Gesellschaft oder in der Kirche — mit Schweigen übergeht, wo man sich nicht bis zum Letzten einsetzt, ja sich nicht danach verzehrt, um diese gekreuzigten Völker vom Kreuz herunterzuholen, dort versündigt man sich an der Menschheit. Solange sie am Kreuz hängen, muss man ihren Schmerz teilen und ihnen Mitleid und Hochachtung entgegenbringen. Doch mehr noch - auch wenn das der instrumentellen Vernunft wider den Strich geht und es selbst der mitleidenden Vernunft widerstrebt —, man muss ihnen dankbar sein dafür, dass sie, die das gekreuzigte Volk sind, einer Welt im Überfluss den Spiegel vors Gesicht halten. Diesen Gedanken entfaltet aus biblischer Sicht der Beitrag von Carlos Mesters. Fasst man die „jesuanischen Märtyrer" und „das gekreuzigte Volk" als Einheit, so ist die Realität des „Martyriums" Licht für die Völker (Kevin Burke), Hoffnung, aus der sie lebt (Juan Hernández Pico), und kritische Anfrage, die sie herausfordert (Jon Sobrino).

Angesichts des Sinndefizits, der Sinnlosigkeit und des Nihilismus, die sich allmählich immer mehr der Menschen bemächtigen, vor allem in den Überflussgesellschaften, erteilen uns die Märtyrer eine heilsame Lektion: Leben heißt lernen, mit Fassung, Würde und Großmut zu leiden, zwar auch zu kämpfen, doch zugleich das Leiden und die Tragödie anzunehmen, ohne Hass und ohne die Hoffnung aufzugeben. Diese Haltung eines „Märtyrers" sollte ein konstitutiver Bestandteil jeder echten Spiritualität sein. Daher sollte man das Martyrium auch nicht als außergewöhnliches, nur wenigen vorbehaltenes Opfer betrachten. Es ist [5] und bleibt durch alle persönlichen Lebensgeschichten hindurch das Ideal einer menschlichen Spiritualität.

Um ein wenig von ihr mitzuteilen, schließt das Heft mit einem Gedicht von Pedro Casaldäliga. Besser als eine abstrakte Neubesinnung über das Thema vermittelt er uns einen Einblick in das, was er im Laufe von vielen Jahren mit den Augen geschaut, mit dem Verstand bedacht und im Herzen erlebt hat. Ohne den Beigeschmack von Masochismus, frei von jeder Opferideologie und mit der Freude allen, sogar den Feinden, Leben zu schenken und ohne jemanden zu töten — engagiert, dankbar und voller Hoffnung —, drückt er dies aus in seinem Offenen Brief an unsere Märtyrer.

Aus dem Spanischen übersetzt von Franz Schmalz

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