Concilium 2002 / 3

Brasilien: Volk und Kirche(n)

Zu diesem Heft

José Oscar Beozzo und Luiz Carlos Susin

Das gegenwärtige Brasilien ist ein lebendiges Labor, in dem uralte Glaubensformen und Religionen zu neuen Synthesen verschmelzen. Dank den Winden der Freiheit, wie die Moderne sie wehen lässt, gedeihen diese in der Tat unübersehbar. Der religiöse Kanon par excellence, der praktisch aber auch den einzigen entscheidenden Normgeber darstellt, sind die vitale Erfahrung und die Förderung des Lebens in seinen grundlegenden Dimensionen: der Körper mit seinen Bedürfnissen, der Kampf ums Leben, die Solidarität unter den Nachbarn, die symbolische Bekundung des Heiligen und seiner Bedeutungsinhalte sowie die erotische, mystische und lichte Dimension des menschlichen Daseins.

Unsere „Existenz“ bzw. „Geschichte“ beginnt, wie natürlich überall in Lateinamerika, auch in Brasilien vor dem Jahre 1500. Die Jahreszahl benennt das offizielle Datum, an dem portugiesische Seefahrer an der Küste jener Weltgegend landeten, aus der dann wurde, was später den Namen Brasilien bekam. Dessen unbeschadet breiteten sich über diese geographischen Räume hin seit mindestens 40.000 Jahren an die sechshundert verschiedene Völker mit je eigener Sprache, Kultur und Religion aus. Alle schlugen hier Wurzeln. Die meisten von ihnen gingen jedoch unter in einer brutalen Rassenvermischung mit den portugiesischen Kolonialherren, in welche diese die einheimischen Frauen zwangen. Zu den einheimischen Völkern kamen noch an die vier Millionen Afrikaner hinzu, die als Sklaven auf diese Seite des Atlantiks verschleppt wurden. Sowohl die indigenen als auch die afrikanischen Völker vermachten dem popularen Brasilien der Mestizen ein gewichtiges Erbe an kulturell-religiösen Ausdrucksformen, einschließlich ritueller Bekundungen für die geistig-geistlichen Kräfte, die das Leben auf der Erde steuern, für Kontemplation und Verdanktheitsgefühl der Ureinwohner. Was die afrikanischen Sklaven und deren Nachfahren angeht, so bezeugten diese mit ihrem Widerstand die Kraft des Lebens auch in beispielloser Widrigkeit. Sie bewahrten sich eine tiefe Verbundenheit mit der Natur ebenso wie mit den Vorfahren und maßen der Frau, auch beim Kult, eine zentrale Stellung bei.

Nach der offiziellen Leseweise erwächst Brasilien, wirtschaftlich und kulturell gesehen, aus der Geschichte einer neuzeitlichen Kolonie. Seine Kompassnadel weist zunächst in Richtung Europa und dann auch in Richtung USA. Ihre prägenden Charakteristika sind zunächst Ausbeutung und Ausfuhr von Ressourcen, dann Abhängigkeit und kapitalistische Konzentration und neuerdings, bereits in [242] der gegenwärtigen Ordnung der Globalisierung, Konzentration von Technologie und Anhäufung von Rendite. Treibende Kraft für das alles sind die inneren Tatbestände, dass wir eine stark vertikale Klassenhierarchie haben, dass die Mehrheit der Armen nichts zu sagen hat und dass Marginalisierung und Gewalt ständig zunehmen.

In den Nischen des offiziellen Katholizismus bildete sich derweil ein popularer Katholizismus. Dieser befähigte die Menschen zu Widerstand und Einstehen für die eigene Würde, zu Selbstwertschätzung und Sinnfindung im Leben, zu Leiden und Sterben. Hilfe war ihnen dabei eine synkretistische Umdeutung der kirchlichen Lehre. Im Rückgriff auf offiziell verkannte Quellen, auf indianische und afrikanische Überlieferungen, die, verschämt wie sie waren, dennoch überlebten und heute allenthalben nur so aufblühen, bekam alles ein eigenes buntes Gepräge. Worte wie „Viel Religion“ oder „Aus jeder Quelle trinken und, wenn Mangel droht, den Durst so oder so löschen“ sind für das brasilianische Volk heiliger Auftrag. Nachlesen kann man das alles auch auf den besten Seiten der brasilianischen Literatur, wie etwa in dem Roman Grande Sertão von João Guimarães Rosa (1908–1967). Zu den ursprünglichen sowie durch portugiesische Kolonisierung und schwarze Sklaverei hierher verpflanzten Völkern nahm Brasilien ab Mitte des 19. Jahrhunderts noch Immigrantenströme verschiedener anderer Völker aus Europa und Asien auf. Diese brachten auch ihrerseits neue christliche Kirchen und neue Religionen mit. Schließlich lässt die Globalisierung in diesen Regionen unseres Planeten, religiös betrachtet, das fließende Gemenge traditioneller brasilianischer Synthesen eingehen in den Strom pfingstlich wie auch von New Age her inspirierter Kreise, das heißt in einen wahren „Karneval der Seele“.

Die Nationalkonferenz der Brasilianischen Bischöfe (Conferência Nacional dos Bispos do Brasil. CNBB) wird in diesem Jahr fünfzig Jahre alt. Von Führungspersönlicheiten mit großem Charisma, wie Dom Hélder Câmara (1909–1999), ins Leben gerufen, war sie mit ihrer vom Konzil her geprägten Mystik und mit einem bemerkenswerten sozialen Engagement während der letzten Jahrzehnte im Kontext des Landes unübersehbar präsent. Von der katholischen Kirche flossen Energien und Kreativitätsimpulse in die ganze brasilianische Gesellschaft. Aus der Katholischen Aktion erwuchs das Engagement in organisierten sozialen Aktionen, wie in Gewerkschaften und politischen Parteien. Ähnlich gebar auch die Pastoral in Grund- und Bodenfragen (Commissão Pastoral da Terra: CPT) die soziale und politische Bewegung, die heute die am besten organisierte und bedeutsamste Instanz ist: die Bewegung der Landlosen Bauern (Movimento dos Sem Terra: MST). Umgekehrt eröffneten die Kirchlichen Basisgemeinden (Comunidades Eclesiais de Base: CEB) Hoffnung und ekklesiale Prophetie, ermöglichten ein partizipatives Modell von Kirchesein und bedeuteten eine wahre „Ekklesiogenese“. Auch wenn sich das Ganze inzwischen aufgelöst hat in zahlreiche Formen von popularen Kirchengemeinschaften, die auf der Ebene von Pfarreien und Kapellen strukturiert sind, bilden sie wirklich die Basis der Kirchen.

[243] Weiterhin geht es den in Brasilien mittlerweile existierenden unterschiedlichen kirchlichen Denominationen gar nicht schlecht. Insgesamt entwickelt sich der Weg des Christentums in ziemlich soliden ökumenischen Bahnen. Es fehlt nicht an ökumenischen Organisationen, und wir haben zahlreiche Partnerschaften in kirchlichen und sozialen Initiativen zum Wohle der gesamten brasilianischen Gesellschaft. Ebenso ist auch die kirchliche Präsenz bei Ureinwohnern und Landarbeitern eine ökumenische Angelegenheit.

Sodann haben sich auch einige Megalopolen, das heißt die großen Hauptstädte mancher Bundesstaaten wie São Paulo, Rio de Janeiro, Belo Horizonte, aber auch andere Metropolen, die in großer Gefahr schweben, sozial zu zerfallen und in Gewalt zu ersticken, zu Räumen pastoraler Kreativität entwickelt. Wir denken da an die Pastoral der Wohnung für Menschen bzw. Leidensgestalten auf der Straße, an die Pastoral des Kindes, an die Pastoral an Jungen und Mädchen auf der Straße, an die Pastoral der marginalisierten Frau usw.

Darüber hinaus ist das Antlitz der Kirche in Brasilien geprägt durch die vom Konzil angeregte Form geweihten Lebens. Die betreffenden Männer und Frauen haben sich die Inspirationen der Bischofskonferenz von Medellín (1968) zu Eigen gemacht: die vorzugsweise Option für die Armen, das Sich-einlassen auf die Lebensbedingungen der kleinen Leute und die Begleitung der Kirchlichen Basisgemeinden. Im Rahmen des geweihten Lebens zeichnen sich vor allem weibliche Gemeinschaften aus, die sich ihrer Aufgabe in prekären Verhältnissen stellen, in „Pfarrgemeinden ohne Priester“ und in den verschiedensten Bereichen der Pastoral, bisweilen sogar unter Lebensgefahr. Bemerkenswert ist, wie das alles seitens der Konferenz der Ordensleute in Brasilien (Conferência dos Religiosos do Brasil: CRB) koordiniert wird. Die CRB unterhält Dienste für das gesellschaftliche und kulturelle Eintauchen in das Milieu des einfachen Volkes, spezielle Beratungsgremien sowie ein kompetentes Team für die theologische Reflexion, das auch für entsprechende Veröffentlichungen zuständig ist.

In diesem gesellschaftlichen, kirchlichen und pastoralen Klima gewann die Theologie, die als Theologie der Befreiung an Profil gewonnen hatte, in den letzten Jahren auch an Offenheit in der Wahrnehmung, sodass sich nicht nur neue Gesichter, Stimmen und Träger meldeten, sondern auch vertieft zu betrachten seien: Herausforderungen von Seiten der Frauen und der Schwarzen, Fragen in Wirtschaft und Ökologie ebenso wie Probleme in Sachen Ethik. Darüber hinaus öffnete sich die Theologie mit popularen Kursen auch für Laien. Schließlich erlangte sie von der Regierung institutionelle Anerkennung und gewann mittels dieses neuen Forums sowohl eine breitere Basis als auch eine größere akademische Objektivität.

In den letzten dreißig, vierzig Jahren erlebten wir eine regelrechte „brasilianische Ekklesiogenese“. Gott sei Dank hält sie noch an und ist möglicherweise ein Beitrag unseres Landes für die Kirchen überhaupt.

Freilich fehlt es nicht an neuen Konstellationen, die pastorales Engagement und theologische Reflexion gleichermaßen herausfordern. Zunächst ist da auf die Globalisierung der Probleme und auf den Verlust globaler Orientierungslinien zu [244] verweisen. Doch das alles ist Teil einer globalen Krise des Planeten Erde. Im Einzelnen zu nennen sind die Krise der Rationalität und das neue Heidentum, das inzwischen vor allem die „Erste Welt“ betrifft, die Krise des Wegschauens, auf Grund deren die Armut nur so anschwoll und deren erster Aufschrei in Lateinamerika zu hören gewesen war, die Krise des kulturellen Pluralismus, in die das koloniale und postkoloniale Afrika stürzte, sowie die Krise des religiösen Pluralismus, dessen Wiege in Asien stand. Unter dem Druck einer vom Markt gehetzten Globalisierung vermengt sich das alles jetzt zu einer komplexen, weltweiten Krise, die allen unterschiedslos über den ganzen Planeten hin die sichere, beruhigende Orientierung nimmt. In Brasilien sind das beträchtliche Anwachsen der Pfingstbewegung — sowie im speziellen Fall der Charismatisch-Katholischen Erneuerung — und die Kreativität in der Rezeption von New Age als Versuche zu betrachten, auf diese Situation Antworten zu finden. Allerdings sind diese Antworten nur zum Teil mutig, zum anderen Teil sind sie verkrampft und doppeldeutig.

Im Blick auf die Kirche jedoch rühren die größten Herausforderungen — auch wenn man sie positiv deutet — von der immer vernehmlicher aufbrechenden Präsenz der Frau in den Kirchen her. Man denke nur an all die Energien und Aktivitäten, an all die popularen Dienste und Ämter, an all die pastoralen Führungspersönlichkeiten, aber auch an all die Konflikte, die Frauen mit der traditionellen Machthierarchie haben. Zu erwähnen ist aber auch die allerorten sprudelnde Reflexion bei Afrikanischstämmigen und Schwarzen mit ihren Bewegungen. Eine weitere Herausforderung, die aber noch gar nicht hinreichend wahrgenommen geworden ist, ist die Frage, ob Bemühungen zur Evangelisierung im Rahmen komplexer kultureller Mittel, vor allem in formeller Erziehung und Bildung, in Universität und Medien relevant sind oder nicht. Immerhin entfalten die Kirchen ja einen guten Teil ihres Engagements im Bereich von Erziehung und Bildung.

Eine letzte Frage: In einem Land, in dem der Staat mit Schlagwörtern wie Neoliberalismus und Globalisierung des Marktes nicht nur sich selbst immer weiter zurücknimmt, sondern auch öffentliche Räume und soziale Dienste immer weiter einschränkt und zugleich vielfältig Privatisierung betreibt mit verheerenden Folgen in Form von Transnationalisierung und Arbeitslosigkeit, von wachsender Verarmung und informeller Wirtschaft, von Korruption und zunehmender Gewalt auf allen Ebenen ... wozu ist da eine Kirche überhaupt im Stande — zumal, wenn sich Ethik, Gerechtigkeit und Leben für alle als Imperative erweisen und wenn das Volk selbst diese geradezu in die Welt hinaus schreit?

Die Probleme, Tugenden und Hoffnungen, die für Brasilien gelten, hat das Land gemeinsam mit den meisten lateinamerikanischen Staaten wie auch mit manchen anderen Regionen dieses Planeten. Brasilien ist kein Einzelfall. Aus diesem Grund bieten die Aufsätze, die im vorliegenden Heft nunmehr folgen, womöglich eine Hilfe dafür, dass Völker, die ebenfalls in Geburtswehen liegen, einander näher kommen.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Horst Goldstein

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