Concilium 2002 / 2
Zu diesem Heft
Regina Ammicht Quinn und Elsa Tamez
Die globalisierte Welt produziert auch globalisierte Bilder: globalisierte Bilder von Menschen und globalisierte Bilder von Menschenkörpern. In diesen Körperbildern wird der Bruch sichtbar, der durch die Welt geht. Es ist ein Bruch, der nicht einfach uns von den anderen trennt, sondern immer wieder auch durch Menschen hindurchgeht.
Da gibt es auf der einen Seite die Bilder des perfekten Körpers, hervorgebracht von einem Lebensstil vorwiegend, aber nicht nur in den westlichen Industrienationen , der die Beschäftigung mit dem Körper in den Mittelpunkt stellt und den Körper nur für akzeptabel hält, wenn er klaren Normierungen entspricht. Da gibt es auf der anderen Seite die Bilder des ausgemergelten, geschundenen, gefolterten und gebrochenen Körpers, die uns vorwiegend, aber nicht nur aus den verarmten Ländern und den Krisengebieten dieser Welt erreichen.
Die Bilder könnten unterschiedlicher nicht sein: Hier die Models aus der Werbung, deren perfekte Körper zum Maßstab von Schönheit, Lebensglück und Heil werden; dort die zerstörten Körper, in deren Elend Schmerz, Demütigung und Tod sichtbar werden. Es ist ein bitterer Zynismus, dass beide, sowohl die reichsten als auch die ärmsten Körper, oft schmerzhaft dünn und der Gefahr ausgesetzt sind, an dem Mangel an Nahrung zugrunde zu gehen.
In den letzten Jahren ist die Wahrnehmung dafür gewachsen, dass die jeweilige Wahrnehmung des Körpers nicht einfach natürlich, sondern tief kulturell verankert ist. Dennoch zeigen sich in den Grundlinien der Körperlichkeit Geborenwerden und Sterben, Wachsen und Gedeihen, die Lust des Körpers und seine Schmerzen die elementarsten Verbindungen zwischen Menschen. In all ihrer Unterschiedlichkeit sind damit die Körperbilder der globalisierten Welt nicht Bilder, die unverbunden nebeneinander stehen, sondern Doppelbilder, bei denen immer die Schatten der anderen Bilder sichtbar werden.
Während weltweit die Fragen von Hunger, Krankheit, Verfolgung, Unterdrückung und Migration weit davon entfernt sind, gelöst zu werden, hat sich vor allem in den westlichen Industrienationen die Haltung dem Körper gegenüber deutlich verändert: Der Körper ist kein Schicksal mehr, sondern Ergebnis von Handlungen. Damit wird der Körper als ganzes nicht nur dessen Genitalien zum moralischen Problem. Indem der Körper zum Ergebnis von Handlungen wird, etabliert er sich als Projekt. Dieses Körper-Projekt zielt auf Perfektion auf ein [114] perfektes Körper-Design, das nicht nur in der Medien- und Schönheits-Industrie, sondern auch in der Forschungs- und Gesundheitsindustrie angestrebt wird und häufig unausgesprochen dem ausgesprochenen Ziel, Leiden zu verringern, unterliegt.
Christentum und Theologie haben lange Zurückhaltung geübt in der Deutung, Kritik und aktiven Veränderung dieser doppelten globalisierten Körperbilder. Der Grund dafür mag darin liegen, dass das Christentum eine eigene, schwierige Geschichte mit dem Körper hat. Zentral für die christliche Frömmigkeitsgeschichte war lange Zeit die Spiritualisierung und Kontrolle alles Materiellen. Der Körper selbst war vor allem der greifbare und fühlbare Ort menschlicher Sündhaftigkeit, den Trieben ausgeliefert und ein Hindernis auf dem Weg zur Erlösung.
Heute aber befinden wir uns in einer Situation, in der
immer häufiger die Beschäftigung mit dem Körper zum
Körperkult wird, der Körper angebetet und dem Körper geopfert
wird in der Hoffnung, dadurch Heil und Erlösung zu erlangen. Während
für die einen die Gestaltbarkeit des Körpers zentral wird, bleibt
für die anderen dessen Verletzbarkeit im Mittelpunkt. Das Bewusstsein
dafür, wie sehr die Gestaltung verletzen kann und wie nachdrücklich
die Verletzbarkeit gestaltet, ist noch nicht ausreichend gewachsen. Eines aber
ist deutlich geworden:
Über den Sünden- und Kontrolldiskurs hinaus
ist der Körper ein wesentliches Thema christlicher Theologie und
Spiritualität. Es besteht die dringende Notwendigkeit, dass sich die
Theologie kritisch und selbstbewusst einmischt in die aktuellen
Körperdiskurse und die aktuellen häufig destruktiven
Körper-Praktiken. Dazu ist dreierlei nötig: Erstens das genaue
Wahrnehmen dessen, was geschieht, die Entwicklung einer eigenen Hermeneutik,
die ein klares theologisches Verständnis zeitgenössischer, globaler
und auch säkularer Wirklichkeit erlaubt; zweitens eine selbstkritische
Auseinandersetzung der Theologie mit ihrer eigenen Geschichte, in der
häufig sowohl biblische Elemente einer leibgebundenen Denkweise als auch
der Inkarnationsgedanke selbst in den Dienst von Leibfeindlichkeit und
Körperverachtung gestellt wurden; und drittens die utopische Kraft, um die
eigene reiche Tradition für die Gegenwart fruchtbar machen zu
können.
Dazu möchte dieses CONCILIUM-Heft einen Beitrag
leisten.
Die Herausgeberinnen danken den folgenden Kolleginnen und Kollegen
für Kritik, Anregung und Unterstützung bei der Konzeption dieses
Heftes: Marcella Althaus-Reid, Nedjelko Ancic, Maria Pilar Aquino Vargas,
José Argüello, Wanda Deifelt, Klaus Demmer, Karl Derksen, Felisa
Elizondo, Rosino Gibellini, Thomas Groome, Mary Hunt, Maureen Junker-Kenny,
Ursula King, Hubert Lepargneur, Hedwig Meyer-Wilmes, Jean-Guy Nadeau, Edward
Schillebeeckx, Donna Singles, Paulo Suess, Christoph Theobald.