Concilium 2002 / 1

Die vielen Stimmen der einen Bibel

Zu diesem Heft

Seán Freyne und Ellen van Wolde

Die moderne literarische, historische und sozialwissenschaftliche Forschung hebt die große Vielfalt in der Bibel hervor, die nicht nur aus einer Fülle von Gattungen und Kontexten besteht, sondern auch einen Reichtum an Perspektiven aufweist, die häufig als konkurrierende, wenn nicht gar als widersprüchliche Stimmen erscheinen. Diese Ausgabe von CONCILIUM will die Bedeutung dieser Vielfalt als Herausforderung untersuchen, die ein monistisches Verständnis, das der Bibel im Namen der kanonischen Orthodoxie oftmals aufgezwungen wird, in Frage stellt. Vor dem Geheimnis der göttlichen Selbstmitteilung glauben wir, dass Vielfalt und Verschiedenheit positiv verstanden werden sollten als schätzenswerte Geschenke, als Symphonie, nicht als Kakophonie.

Die Erkenntnis der Vielfalt in der Bibel entstammt nicht nur dem wachsenden Bewusstsein vom literarischen und historischen Charakter der verschiedenen Schriften und ihrer Autoren. Mehr und mehr wird heute anerkannt, dass den Lesenden, die sich mit den Texten auseinander setzen, bei der Bedeutungsverleihung dieser Texte auch eine Rolle zukommt. Diese Einsicht rechtfertigt unterschiedliche Praktiken beim Lesen der Bibel in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Umfeldern. Neue und herausfordernde Perspektiven treten in Erscheinung, wenn biblische Texte auf dem Hintergrund von Unterdrückung, Marginalisierung und Ausschluss gelesen werden — Situationen, die vielfach mit Fragen des Geschlechts, der gesellschaftlichen Schicht und kulturellen Vorurteilen verbunden sind. Dieses Heft von CONCILIUM will die Fülle schriftstellerischer Perspektiven der Bibel zusätzlich ausweiten, indem auch die weltweite Vielfalt der Lesepraktiken berücksichtigt wird. Unsere Absicht besteht darin, mit diesem Heft von CONCILIUM frühere Ausgaben über die Schrift wie z.B. Die Bibel und ihre Leser (1991/1) und Die Bibel als kulturelles Erbe (1995/1) zu ergänzen, indem nicht nur den vielen Stimmen des Textes, sondern auch den vielen Stimmen von heute Gehör verschafft wird, die in der Schrift die “Worte des ewigen Lebens” (Joh 6, 68) entdeckt haben.

Die beiden ersten Abschnitte befassen sich mit ausgewählten Beispielen gegensätzlicher Perspektiven im Ersten und im Zweiten Testament. Ein dritter Abschnitt ist den “Stimmen am Rande” gewidmet und rückt gegenwärtige Lesarten aus verschiedenen Perspektiven der Marginalisierung in den Mittelpunkt. Der letzte Abschnitt geht auf historische und theologische Fragen ein, die sich aus [2] der Anerkennung der Vielfalt als fundamentalem Aspekt des biblischen Zeugnisses ergeben.

Unser Dank für hilfreiche Anregungen gilt den folgenden Kolleginnen und Kollegen: Rafael Aguirre, Maria Pilar Aquino Vargas, Karl Derksen, Felisa Elizondo, Mary E. Hunt, Maureen Junker-Kenny, Ursula King, Sean McEvenue, Hedwig Meyer-Wilmes, Matthew Paikada, Donna Singles, Claude Soetens, Janet Martin Soskice, Christoph Theobald, Jerome T. Walsh.

Aus dem Englischen übersetzt von Martha M. Matesich

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